Against Good Common Sense or - the Value of Labour

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4. Werkleitz Biennale real[work]
Against Good Common Sense or - the Value of Labour

Florian Wüst: Gegen den gesunden Menschenverstand oder: zum Wert der Arbeit

Alle reden von Arbeit. Vom notorischen Gebrauch dieses Wortes kann ich mich selbst genauso wenig ausnehmen. Das Gros der Tätigkeiten heißt schlicht Arbeit, der selbstständige Kulturschaffende kann sich’s leisten.
Franz Schandl fragt mit Recht, ob wir überhaupt wissen, wovon wir sprechen, wenn wir von Arbeit reden. Schon die deutsche Sprache erschwert das Verständnis, indem sie nicht wie das Englische zwischen „work“ und „labour“ unterscheidet. Weiter führt er aus: „Gegen den gesunden Menschenverstand gilt es festzuhalten: Arbeit ist auf den Markt bezogene Tätigkeit zum Zwecke der Verwertung“. Arbeit wäre also dem modernen Homo Oeconomicus eine Notwendigkeit, Arbeit bedingt Kapital und umgekehrt.

Auch so in den Hemisphären der Neuen Ökonomie? Kapital scheint sich selbst zu akkumulieren, die Dienstleister sorgen für den staufreien Verkehr von Information, die menschliche Produktivkraft steht zur Rationalisierung wie alte Ware im Regal. Das Problem mit der Arbeit ist dann nicht, dass sie unfrei macht, sondern dass es selbst unter dem Gesetz des Wertes keine mehr gibt, wenigstens nicht dort, wo sie bisher war. „Künftig wird Arbeit wieder mehr begriffen werden als etwas, was man tut, und nicht als etwas, was man hat.“ (Klotz)

Maurizio Lazzarato nennt das „Massenintellektualisierung“. Seit Anfang der siebziger Jahre schließe manuelle Arbeit zunehmend intellektuelle Tätigkeiten mit ein, „während die neuen Kommunikationstechnologien Subjektivitäten erfordern, die reich an Wissen sind. (…) Seid Subjekte, lautet daher die Direktive und wird zum Slogan der westlichen Gesellschaften“ (Lazzarato). Das Wissen der Beschäftigten der Informationsgesellschaft würde zum relevanten Kapital, die klassischen Abhängigkeiten verkehren sich in ihr Gegenteil. Neal Stephenson beschreibt in seinem Cyberpunk-Bestseller „Snow Crash“ die Nervosität eines kruden Unternehmers:

„When I have a programmer working under me who is working with that information, he is wielding enormous power. Information is going into his brain. And it’s staying there. It travels with him when he goes home at night. It gets all tangled up into his dreams, for Christ’s sake. He talks to his wife about it. And, goddamn it, he doesn’t have any right to that information. If I was running a car factory,
I wouldn’t let workers drive the cars home or borrow tools. But that’s what I do at five o’clock each day, all over the world, when my hackers go home from work.“

Bezeichnenderweise gelten die Softwareentwickler und Ingenieure in den Unternehmen der Informations- und Telekommunikationsindustrie „als „Künstler“: geniale Erfinder technischer Lösungen, die sich aber nicht den Vorgaben industriell geplanter Produktionsprozesse unterwerfen und den Gewinnerwartungen des Unternehmens und oft auch den Erwartungen der Kunden nicht die gewünschte Bedeutung zumessen“ (Baukrowitz und Boes).

Das macht alles nichts. Deregulierte Arbeitsmodelle gepaart mit dem Ambiente von Innovation, Kreativität, Individualität und Zukunftsorientiertheit stehen heute ganz oben auf den Spickzetteln der Marketingstrategen, vorformatiert von denjenigen „Künstlern“, die weniger das Problem haben, ohne Arbeit zu sein, sondern gegebenenfalls ohne Zahlungsmittel dazustehen.

Doch genauso wie sich Lazzarato gezwungen sieht, die Subjektwerdung der hoch-informierten Erwerbstätigen gegenüber der Normierungsmacht der Unternehmen zu relativieren, ist kaum daran zu denken, dass vier Millionen Arbeitslose in Deutschland jemals in den Genuss einer Umschulung zum selbstbestimmten Hacker kämen. Gegen die rhetorische Vision wettert nach wie vor am lautstärksten die industriegesellschaftliche Lebensformel von der Aufspaltung in produktive Arbeit und konsumptives Leben. Solange die Bewertung von Arbeit an die Logik der Verwertung gebunden ist, gilt es gegen den gesunden Menschenverstand festzuhalten: Wer keine Arbeit hat, hat eigentlich nichts zu tun.

Die Krise der an Autoaggression im Stadium des Spätkapitalismus erkrankten „westlichen Zivilisation“ ist fundamental genug, dass bisher niemandem ein Überblick gelingt. Die von Hannah Arendt beschriebene Bedingtheit des menschlichen Tätigseins unterläuft die Landesgrenzen jeglicher Ideologien. Diesmal gibt’s kein Ausserhalb - sowas hat’s noch nie gegeben.

Die Suche nach Antworten bleibt fieberhaft. Wo keine Antworten sind, stellt man weiter Fragen. Sicherlich, um sich selbst zu beruhigen. Aber vielleicht werden ja die Fragestellungen auch immer besser, was filmisch ausgedrückt hiesse, zu versuchen, die Perspektiven zu wechseln. Diese Anregung könnte hier zumindest gelten als Untertitel zu den Film- und Videoprogrammen von real[work].

Schandl, Franz: Das Heldenlied der Arbeit steht vor seinem Abgesang. Frankfurter Rundschau 27.4.2000

Klotz, Ulrich im Gespräch mit Ina Hönicke: Hierarchien sind die wahren Ideenkiller. Frankfurter Rundschau 3.4.2000

Lazzarato, Maurizio: Immaterielle Arbeit, in: Umherschweifende Produzenten. Berlin 1998, S. 40 - 42

Stephenson, Neal: Snow Crash. New York 1992, S. 116

Baukrowitz, Andrea und Boes, Andreas: Ein neuer Arbeitskrafttyp entsteht. Frankfurter Rundschau 2.3.2000