Taubenturm, USB-Adapter, Büroruine

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Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine

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Taubenturm, USB-Adapter, Büroruine
DE 2019
Cornelius Grau, Büroruine, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch
Cornelius Grau, USB-Adapter, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch
Cornelius Grau, Taubenturm, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch

Ein Taubenturm, ein USB-Adapter in Form eines Kapitells und die Ruine eines Büros. Farbenfroh stehen sie im Park herum, eindeutig in ihrem Bezug zu Dingen aus Gegenwart und Kulturgeschichte, mehrdeutig in ihrer Funktion als Kunstwerke. Mittels comicartiger Größenverschiebungen und Proportionsverzerrungen sowie einer reduzierten, an das Bauhaus erinnernden Palette an Grundfarben erreicht Cornelius Grau eine seltsame Verfremdung der von ihm hergestellten Objekte. Das Bestreben historischer allegorischer Darstellungen und Denkmäler, theoretische Überlegungen und philosophische Argumentationen in konkrete Anschaulichkeit zu bringen, erscheint hier surrealistisch gedreht und ironisch überhöht. Graus Objekte sind anachronistische Kulissen im falschen Film.

Interview Cornelius Grau mit Kristina Tieke

KT: Du befasst dich in deinen Arbeiten aus Holz, Leinwand und Acryl mit Alltagsgegenständen – mit Fahrrad, Overheadprojektor, Fast-Food-Verpackungen. Den vertrauten Objekten verschaffst du mit knalligen Farben ein neues Image. Was wir täglich in Händen halten, entrückst du in den Kontext der Kunst und stellst es uns vor
Augen, als sähen wir es zum ersten Mal. Was fasziniert dich an den banalen Dingen, was an unserer nutzenorientierten Welt?

CG: Die scheinbare Einfachheit. Die Dinge des Alltags sind einfach da und alltäglich präsent. Es wird viel über Lieblingsbücher oder Lieblingsfilme philosophiert, dabei hat man den einfachen Kehrbesen wahrscheinlich viel häufiger in der Hand. Es gibt inhaltlich gar nicht so viel über solche alltäglichen Gegenstände zu diskutieren. Die Dinge haben meist eine klare Funktion und ein spezifisches Aussehen. Wir haben uns an sie gewöhnt und erfassen sie eher kategorisch: Eine Gabel ist eine Gabel und damit könnte man essen. That´s it.

Mich begeistert diese Klarheit, diese Purheit, die den Weg öffnet, die Dinge immer wieder neu zu entdecken und zu inszenieren. Ich denke aber häufig auch erstaunlich formal. Ich habe schon liegende Baumstämme nachgebaut, weil ich mich mit vertikalen Zylindern beschäftigen wollte.

KT: Im vergangenen Jahr hast du im Künstlerhaus Dortmund die Ausstellung „Zur Größe bestimmt!“ kuratiert. Ein Titel, der Trotz und Anmaßung ironisch balanciert. Lassen sich diese Eigenschaften auch auf deine Arbeiten anwenden?

CG: Ja, natürlich. Ein wenig Ironie schwingt häufig mit. Auch Trotz: Warum muss denn immer alles so wichtig sein? Warum so groß? Warum so bedeutsam? Ich hinterfrage da viel.

Dazu gehört aber auch das Eingeständnis, dass es wohl manchmal einfach Sinn macht. Die Bilder aus der Ausstellung mussten z. B. groß sein, um ihre Wirkung zu erzielen. Nichtsdestotrotz sind meine Ausstellungstitel häufig ironisch, trotzig oder irreführend. Ich hatte eine Galerieausstellung namens „New Media“ – wer meine Arbeiten nicht kennt, wird wahrscheinlich statt der farbigen Skulpturen von Elektrogeräten tatsächlich Videoarbeiten erwartet haben. Als ich mal sehr genervt von großspuriger Künstlerrhetorik und Kulturopportunismus war, kommentierte ich das mit dem Ausstellungstitel „Alles Zirkus“, eine Schau, in der dann von mir eigentlich ziemlich nüchtern Zirkus-Accessoires in einem Schaufenster inszeniert wurden. Ich übernehme auch Klischeetitel wie „Neue Malerei“, z. B. für meine allererste und bisher einzige reine Malereiausstellung. Da bin ich dann selbst anmaßend.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen. Gerade zu Beginn meines Künstlerwerdegangs war es mir ein Anliegen, Überheblichkeiten der Kunstwelt bewusst mit der Banalität der von mir neu inszenierten Gegenstände zu konfrontieren. Wo jenes ein Sinnbild für … oder dieses bedeutsam kritisch gegen … sein wollte, sollte ein von mir gebauter Staubsauger nur ein Staubsauger sein.

KT: … und eine Steinschleuder eine Steinschleuder. Dein „Katapult“ von 2011 sorgt für einen geradezu asterix-und-obelixartigen Knalleffekt. Man meint, die TSCHUPPS und PFLATSCHS und BUMMS zu hören, wenn die imaginären Geschosse das bedeutungsschwangere Drumherum in Schutt und Asche legen. Das hätte auch in den Georgengarten mit seinen Romzitaten gepasst. Jetzt setzt du drei kulissenhafte Skulpturen auf die Wiese zwischen Schloss und Sphingenportal, mitten hinein in die symbolträchtige Szenerie. In welchem Verhältnis zu kunsthistorischen Traditionen siehst du deine Arbeit?

CG: Ich bin in den 90ern groß geworden. Also eigentlich postmodern erzogen. Ich bedien’ mich vieler Traditionen der Kunst des 20. Jahrhunderts. In meinen Arbeiten steckt z. B. die formale Klarheit in Form und Farbe des De Stijl. Meine Farbkontraste, mein Pinselduktus und ehrlich gesagt auch meine handwerklichen Skills folgen mehr dem Ausdruck des Expressionismus. Ich orientiere mich u. a. an der Objektfokussierung des Minimalismus und der Alltagsikonografie der Pop-Art. Ich bin in den von mir benutzten Medien bisher auch eher traditionell. Ich baue ja vor allem Skulpturen aus Holz, male auf Leinwand und arbeite in Hochdruckverfahren. Fotografie und Performances sind bisher eine Seltenheit. Ich erobere andere Territorien gerne, nachdem sie sich schon in irgendeiner Art durchgesetzt und ihre eigenen Klischees entwickelt haben. Insofern werde ich im Medium wohl immer klassisch bleiben.

Bei den Gegenständen, die ich baue, versuche ich möglichst Archetypen zu konstruieren. Das sorgt in Kombination mit der Alltäglichkeit und der Reduzierung auf geometrische Formen und klare Farben häufig für eine nostalgische Wirkung. Bei den Projekten für Modell und Ruine spielen inhaltlich ebenfalls Zeit und Tradition eine Rolle. Ich errichte u. a. die Nachbildung eines alten Taubenturms mit einem angeschlossenen Internetverteiler. D. h. ich konfrontiere die traditionelle Brieftaube als alte Kommunikationsform mit dem modernen Internet. Es wird auch ein übergroßer Zigarettenanzünder-USB-Adapter zu sehen sein, der wie ein altes, gestürztes Säulenkapitell, wie ein archäologisches Artefakt aus dem Boden ragt. Archaisches trifft hier also auf Moderne. Danebst gibt es eine Büroruine, bei der man nicht weiß, ob sie auf eine baldige Katastrophe verweist oder aus zukünftiger Perspektive, wie andere Ruinen auch, ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen sein könnte – also vorgezogene Nostalgie.

KT: Deine Objekte wecken den Eindruck, sie könnten funktionieren. Dein Designanspruch ist hoch. Bei der Farbgebung gibt es eine Vorliebe für Blau, Rot und Gelb. Reduktion, less is more, ist dominierendes Gestaltungsprinzip. Inwiefern schafft die Nähe zur Bauhausästhetik, die ich hier suggeriere, einen sinnvollen Zugang zu deinem Werk?

CG: Ich bedien’ mich selbst einer ähnlich klaren Formensprache. Meine Skulpturen bestehen aus klaren Linien und klaren Flächen. Hier findet man also einen Designanspruch und ich suche bewusst nach idealtypischen Formen. Das Bauhaus verfolgt einen Universalgedanken von quasi expansivem Design als

Gesamtkunstwerk. Es wird ein Haus mit Möbeln, Kunst und Nutzgegenständen komplett ausgestaltet. Dann designt man ganze Wohnviertel oder komplexe Industrieanlagen. Danach könnten ganze Städte und dann gar Industriestaaten folgen. Ziel ist wohl … die ganze Welt. Ich bin weniger revolutionär. Ich verfolge keinen gesamtheitlichen Masterplan jenseits eines Ausstellungsprojektes. Bei mir ist es eher ein Panini-Sammelbildheftchen, das sich langsam füllt. Durch meinen bisher universal anwendbaren Stil nähere ich mich allerdings von Skulptur zu Skulptur, von Alltagsgenstand zu Alltagsgegenstand und von Ausstellung zu Ausstellung einer Gesamtreinszenierung der Welt.

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