sub fiction: Performance

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
sub fiction: Performance

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Im Entwurf steht geschrieben: „In der Wissenschaft ist die Fiktion, als wichtigstes methodisches Hilfsmittel, eine Annahme, die zwar von dem Bewußtsein ihrer Unrichtigkeit begleitet ist, aber doch zu richtigen Erkenntnissen verhelfen kann.“ Oha!

Und es steht geschrieben: „sub fiction dient uns als ein möglicher Ausdruck für die neuen Entwicklungen jenseits des ursprünglichen Fiktionsbegriffs, zumal seine begriffliche Nähe zu kleineren und subkulturellen Gruppierungen, Interessen und Aktionen viel eher den faktischen Phänomenen Rechnung trägt, mit denen diese – Fiktionen – versuchen, kontextuelle Unterscheidungen zu definieren.“ Huui!

Nicht nur als Kurator, sondern auch als Person, die Art-Performances in kulturelle Situationen setzt, bin ich nun in ein leidliches Problem gestellt. Dies ist nicht nur hier der Fall, es ist allgegenwärtig und besteht im Grunde aus vielen Unter-(sub)-problemen. Der Fakt hat auch einen übergeordneten Namen: Die Vermittlung.

Vermittlung als Lehre in der Lehre gesehen wendet auf Erscheinungen, auf Phänomene der menschlichen Kommunikation im weitesten Sinne, Systeme an, die, wenn zu fiktionalen Forderungen ausgeweitet, bereits vorbestimmen, was NEU zu sein hat (oder was entsprechen soll) und dies mit den klassischen allegorischen (reine Didaktik), anagogischen (welches Ziel wird angestrebt), tropologischen (moralische Forderung) oder materiellen (ästhetische Bedingung) Form- oder Schriftsinnen.

Im „Alchemistischen Theater“ schreibt Antonin Artaud: „Und daß die Prinzipien auftauchen wie die Delphine im Wasser, um sich zu zeigen und dann eiligst wieder in der Tiefe zu verschwinden.“

Was meint dann im oberen Satz: „… von dem Bewußtsein seiner Unrichtigkeit begleitet …“?

Wenn ich, wie es mir doch oft geschieht, die Performance einer Person innerhalb der Art-Performance sehe, sehe ich Weltentwürfe, Prinzipien, die nach diesem Zeigen in den Tiefen dieser Personen wieder verschwinden, bar jeder Vermittlung, frei jeder Sinnbestimmung, da es der pure Sinn ist.

Eine festschreibende Definition, das Anwenden eines Systems der Vermittlung – außerhalb einer begleitenden und bereits übersetzten Beschreibung des Gesehenen – ist ein nicht erlaubter, aber meist vollzogener Eingriff in dieses Zeigen.

Wo unterscheiden sich Vermittlung, die per Definition gesetzte Forderung, was geschehen soll, was da hineingehört und was nicht, von dem Zeigen?

Sinne ent-setzen.

Liegt die Fiktion vielleicht in der Organisation der Möglichkeiten des Erscheinens (Die Kunst der Rahmenbedingungen) und nicht in den Erwartungen der erscheinenden Dinge (Werke)? (Die Auswahl) Oder liegt etwa die Fiktion in der Abwesenheit jeglicher Vermittlung, das Unvermittelte, die Unbedingtheit. Keine Fiktion ist die Unversöhnlichkeit in diesem Problem, dies ist eine Lebensdauer.

Im Grunde ist – Kurator sein – ein komischer Zustand (hatte getippt: Zusatz, Hmm). Was war eine mögliche Idee der Auswahl dieser Künstler zu der Veranstaltung sub fiction? Dazu ein Fragment zu einer: Euphorie, die ich Leib-Körper-Risse nenne. Da der Mensch ein Leib ist und einen Körper hat, entsetzt er sich mit seinem Leben einem Problem. Dem Riß, ein Bild zu sein und ein Bild von sich zu machen. Die Performance Art ist u. a. der Ort, in dem der Riß sich als Entsetzen zeigt. Die Sprache, die dort zum Sprechen kommt, ist die Sprache des Peinlichen und der Infamie. Wenn keine Sprache zum Sprechen kommt, ist das Nur der Anwesenheit das Ausreichende an sich.

Was war der Rahmen der Auswahl dieser Künstler (bereits modifiziert durch Unpäßlichkeit des einen oder persönliche Bedingtheiten eines anderen etc.)? Möglichkeit ist auch Beschränkung, und das Traumteam ist eine Einbahnstraße. Prinzipien, diese Delphine, die sich zeigen und dann in den Abgründen dieser Menschen abwesend anwesend sind (und bei einigen sehe ich dieses Auftauchen und Abtauchen schon über Jahre, und ich bin immer noch so neugierig wie beim ersten Mal), und daß es immer so ist, als wenn es das erste Mal ist, auch bei jetzigen Begegnungen, vielleicht ist das sub fiction?

Vielleicht ist sub fiction auch der wundervolle Satz von George Brecht: „Wenn Du etwas wissen willst, verbringe Deine Zeit mit jemanden, der etwas weiß“.

Gäste haben als Gast.

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