Strahlenpark – Hannas Garten

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Schaufenster in die Stadt Videorama
Strahlenpark – Hannas Garten
1. 2. bis 28. 2. 2010
Deutschland/Ukraine 2006/2009
Strahlenpark – Hannas Garten, Esther Neumann, 2006/2009
© Esther Neumann, 2006/2009
Strahlenpark – Hannas Garten, Esther Neumann, 2006/2009
© Esther Neumann, 2006/2009

Mich hat die Frage: „Was bleibt nach einer atomaren Katastrophe?“ 2005 nach Tschernobyl geführt.
Während einer routinemäßigen Durchführung von Instand- und Prüfarbeiten bei einem gleichzeitig angesetzten Experiment zur Überprüfung verschiedener Sicherheitseigenschaften gerät Block 4 des sowjetischen Kernkraftwerks in einen instabilen Zustand.
Das Experiment führt durch eine Reihe von Planungs- und Bedienungsfehlern das System der Anlage in eine ungeregelte Kettenreaktion. Wenige Sekunden später explodiert der Reaktor und wird völlig zerstört.
Das Experiment ist gescheitert, der Versuch findet draußen statt. Außer Kontrolle, entfalten die Kausalketten der Versuchsanordnung ihre Wirkungen. Sie treffen auf den komplexen Lauf des Lebens. Der radioaktive Fallout kreist um die Erde und verteilt sich auf verschiedenen Flecken. Um das wahr gewordene Katastrophenszenario in den Griff zu bekommen, werden Gebiete umzäunt, diese sollen die beherrschbare Manifestation des Unglücks repräsentieren. Es gibt russische Landkarten, in denen Tschernobyl nicht mehr eingezeichnet ist.
Aber dieser Teil der Welt hört hier nicht einfach auf zu sein.
Das in einem Radius von 30 km eingegrenzte Gebiet um Tschernobyl nennt man verbotene Zone. Es wird bewacht wie ein striktes Reservat der UNESCO. Nur dass in diesem Fall nicht die Umwelt vor dem Menschen geschützt wird, sondern die Menschen vor ihrer kontaminierten Umwelt. Wissenschaftler betrachten die Zone als riesigen Modellversuch und haben ihr den Namen „Strahlenpark“ gegeben.
Als Modellfall einer größtmöglichen Destruktion von Mensch und Umwelt entfaltet die Natur dort ein Eigenleben. Hier im Abseits des gescheiterten menschlich Möglichen entwickelt sich eine neue, moderne Landschaft. Dort strebt die Natur einer uns ungewissen Zukunft entgegen, einer Moderne, von deren Ausgang wir nichts wissen.

Hannas Garten
Juri, der Dolmetscher, der mich während meines viertägigen Aufenthalts in der Zone begleitete, schlug mir vor, eine Bekannte von ihm zu treffen. Eine ältere Dame die als eine der „Uneinsichtigen“ in einer Gemeinschaft von ca. 40 Selbstversorgern in der Zone lebt. Mit Hanna treffe ich auf einen geselligen, warmherzigen Menschen und ein sorgsam eingerichtetes Leben, inmitten der Katastrophe.

Juri übersetzt meinen Wunsch, den Garten zu fotografieren. Sie und die hinzugekommenen Nachbarn Maria, deren Mann Joscha und eine weitere Frau namens Maria sind etwas erstaunt darüber, dass ich mich ausgerechnet für ihren Blumengarten interessiere.
Aber sie sind einverstanden und führen mich durch den Garten. Von mehreren Seiten bekomme ich Zurufe, hier die Rote Beete und dort die Karotten. Aber erst möchte ich gerne Polaroids von ihnen selbst für die Anwesenden machen, wenn sie damit einverstanden sind. Ich schlage ein Gruppenbild vor. Alle vier fangen an zu diskutieren… Gelächter und Zurufe. Sie streifen über ihre Kleider, kichern, reden durcheinander und beginnen, sich aufzustellen. Es ist ein Riesenspaß. Ich mache das erste Polaroid, dann das zweite und das dritte. Währenddessen herrscht gespannte Ruhe. Dann löst sich die Gruppe auf und drängt zusammen, um die Fotos anzusehen. Alle sind zufrieden und tauschen die Fotos untereinander. Ich ziehe mich langsam zurück in den hinteren Teil des Gartens, in dem die Blumenbeete liegen und fange an, zu fotografieren. Die sorgsam gepflanzten Blumenstöcke und Stauden staffeln sich der Höhe nach von vorn nach hinten. Ein Teil des Beetes ist als Rechteck mit zusammengebundenen Weidenstücken eingegrenzt. Die großen dicht aneinander stehenden Blüten leuchten in allen Farben. Bienensummen ist überall zu hören. Sie bewegen sich von einem Pollengefäß zum nächsten. Schmetterlinge fliegen dicht an mir vorbei und setzen sich auf Blätter und Blüten. Hanna kommt lächelnd auf mich zu und bietet mir eine ukrainische Cola zur Erfrischung an. Ich freue mich und wir verweilen eine Weile und betrachten den Garten.

Nach der Reaktorexplosion kursierten Geschichten und Gerüchte über unerklärbare Ereignisse. Eine davon war, daß am Tag nach dem Gau alle Blüten ihre Farbe verloren haben und weiß wurden. (Quelle: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Von Swetlana Alexijewitsch. 1997, ATV.)

Hannas Garten ist eine Computermontage, bestehend aus den Fotografien, die ich im Garten der Selbstversorger in Tschernobyl aufgenommen habe. Die Computermontage ist Grundlage der Videoanimation.
Zu Beginn des Videos sind alle Blüten farbig und Teil eines einzigen großen Blumenmeeres. Langsam verlieren die Blüten ihre Farbe, lösen sich von ihrem Stängel und beginnen bedächtig aufzusteigen. Sie bilden Formationen und kreisen wie eine Wolke einmal um das Bild. Die Blüten setzen sich zurück an ihren Platz und nehmen wieder ihre Farbe an. Der Sound ist die Originalaufnahme der oben beschriebenen Begegnung im Garten. Loop. 05:15 min., Sound 10:30 min.

Das Projekt wurde finanziert durch: Projektförderung der Stiftung Kunstfonds, Bonn.

Mit freundlicher Unterstützung von: Sami Bill. Medienwerkstatt Berlin im Kulturwerk des bbk berlin.

Videoanimation, 05:15 Min / Sound 10:30 Min Loop Color und schwarz/weiß Fotografien, Deutschland/Ukraine 2006/2009

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