Shift

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Shift
1996
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura

Die dritte Videoinstallation, eine Arbeit von Sandra Schäfer, ist nahe dem Eingang der Kirche Tornitz präsentiert. Dort befindet sich ein kleiner, niedriger Nebenraum, der bei kalter Witterung für eben die wenigbesuchten Sonntagsmessen benutzt wird, die eine aufwendige Beheizung der Kirchenhalle nicht rechtfertigen würden und der deshalb auch „Winterraum“ genannt wird. Ein dort ausgelegter, gut isolierender (irgendwie kitschiger) Teppich dämpft jeden Schritt in diesem Raum ab. Hier stehen drei Podeste (oder vielmehr Stelen), auf denen Monitore (im Hochformat) formal genau austarierte Portraits der Royal Guards des Buckingham Palace tonlos und wiederum in Echtzeit (also ohne Schnitt) präsentieren. Auf jedem zweiten Stadtreiseführer „London“ und auf vielen touristischen Ansichtskarten sind sie abgebildet: diese Ehrengardisten in rot-schwarzer Uniform mit Gewehr und Bajonett und den auffälligen, albernen Pelzmützen, die stundenlang in ihren Wachhütten ausharren müssen, um dann zu einem bestimmten Zeitpunkt zackig-groteske Parademärsche zu exerzieren. Jede Bewegung ist dabei genau vorgeschrieben, portioniert und konditioniert. Gnadenlos und wohlbedacht hat Sandra Schäfer 1996 mit der Videokamera auf diesen stoischen Dienst draufgehalten und zeigt in ihrer Installation „Shift“ nun drei sich gegenseitig bestärkende Loops ihrer Beobachtung. Die Gardisten mimen militaristische, von Staats wegen verordnete, strenge Statuen, deren Einrahmung nicht nur durch die Wachhäuschen, sondern auch durch den streng gewählten Kameraausschnitt mit der dahinterliegenden Architektur des Palasts formal verstärkt wird. Aber sie bewegen sich doch, entgegen aller Ritualauflagen! Man sieht, wie sie sich stumme Botschaften zurufen, man kann ihren Unmut in der Parade beobachten, man freut sich voller Häme über ihre sichtbare Müdigkeit oder über ihre Versuche, sich ohne jede Handbewegung vom Nasenjucken zu befreien: Eigentlich handelt es sich um absurde Gestalten, die nicht einmal bemerken, wenn sie beim Einschlafen zu einer Seite abkippen und also die ihnen vorgeschriebene Symmetrie nicht länger aufrechterhalten können: Das Menschliche – auch das Weltliche – setzt sich durch und das Fleisch wird schwach.

Sandra Schäfer (D), Shift, Kirche Tornitz, Winterraum, Videoinstallation, 3 Monitore vertikal auf MDF-Podesten, 3 x S-VHS, Loops: 60 und 30 min, stumm, 1996

 

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