Revisionsbüro, 2000

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4. Werkleitz Biennale real[work]
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DE 2000
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Neben dem Eingang zum Jugendclub und zur Sporthalle hatte Armin Chodzinski in der Bushaltestelle ein offenes Büro eingerichtet. Chodzinski stand während selbstgestellter Kernzeiten und darüber hinaus in dem Büro den Besuchern zur Diskussion und zum Gespräch zur Verfügung. Chodzinski, der seit 1999 nach einem Praktikum im Management eines großen Handelsunternehmens arbeitet, hatte in dem Büro seine Materialsammlung seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Betriebsstrukturen und Alltag im Unternehmen neu zusammen gestellt. Bestandteil der Einrichtung dieses Büros war seine programmatische Grafik „Armin Chodzinski muss ins Management“, eine Wandmalerei und sein eigener Schreibtisch, der für ihn in ständiger Umarbeitung als Gedankenstütze und Archiv seiner Überlegungen dient. Grundlage dieses Schreibtisches war ein ausrangiertes Büromöbel aus der Vorstandsetage des Handelskonzerns, bei dem er arbeitet. Chodzinski hat dieses Büromöbel entsprechend seiner jeweiligen Funktionsansprüche und Erkenntnisse nach und nach umgebaut. Die Bedeutung der verarbeiteten Materialien hat symbolische Relevanz, so besteht die Arbeitsplatte aus Buchenholz, während die Kanten aus repräsentativem Eichenholz gearbeitet sind.

Die in der Bushaltestelle besprochenen Themen kreisten um die Fragestellung der Biennale, die persönliche und gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit, die Rolle und Funktion eines Künstlers im Management eines Unternehmens und die Grenzziehung zwischen künstlerischer und unternehmerischer Praxis und die Anforderungen betrieblicher Organisationsformen. Häufig wurde anhand der konkreten Biografien » sowohl der von Armin Chodzinski als auch der der Gäste - die Frage erörtert, was Arbeit heute überhaupt ist und welche Handlungsmodelle in dieser Gesellschaft zukünftig noch möglich sein könnten.

Am Samstag hielt Armin Chodzinski als weiteren Beitrag zur Biennale in dem Gaststätte „Zur Post“ einen Vortrag mit dem Titel „Mythen, Manager und Melonen” - ein Bericht aus der gesellschaftlichen Praxis. Sein Vortrag diskutierte in fragmentarischer Weise die eigene Biografie, hierarchische Strukturen innerhalb von Unternehmen und die Erfahrungen innerhalb des Managements und verglich exemplarisch Charakterzüge von künstlerischer und unternehmerischer Tätigkeit. Sein Vortrag wurde von einer ganzen Klaviatur an Präsentationsmedien begleitet, so spielte er einen Song von Knarf Rellöm, spielte Tonaufnahmen eines Interviews mit dem Managementtrainer Klaus Kobjoll ein, projizierte Dias, Overheadfolien, zeichnete auf eine Tafel und projizierte die zeitgleich von einer Webcam aufgenommenen Übertragungsbilder aus der Gemüseabteilung eines Supermarktes, um zu guter letzt bezeichnete Taschentücher im Publikum zu verteilen.

Text: Corinna Koch & Christiane Mennicke-Schwarz

Weil ich nicht so schlau bin wie all die Ideologen und Theoretiker…

„Weil ich nicht so schlau bin wie all die Ideologen und Theoretiker, muss ich es einfach sagen und machen.“ erklärte Steve Stevaert der Presse im Sommer 1997 als er, weil es ihm als Bürgermeister einer kleinen belgischen Stadt an Geld fehlte, beschloss, die Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel abzuschaffen. Ich war zum wiederholten Male in Rechtfertigungsdruck geraten, musste zum x-ten Mal erklären warum und wieso . Das Lesen dieses Artikels half mir irgendwie aus der Klemme. Als ich mein erstes Büro in der Kunstakademie baute - mit Stechuhr,
genauem Arbeitszeitplan, Ablagekästen, etc. - war ich mir sicher, dass mich meine protestantische Arbeitsethik, dass meine Sozialisation und nicht zuletzt Max Weber mich davon abhalten werden, das zu tun, was man denn so tut an einer Kunstakademie. Was immer das auch ist?

Wenn man sich mit Kunst und Ökonomie beschäftigt und dabei weniger als Theoretiker arbeitet - sicher ich habe eine „Karriere“ als marxistisch motivierter „Schulkommunist“ hinter mir - , sondern vielmehr aus der eigenen Befindlichkeit heraus, hat man es schwer. Es sind nicht die Fragen, die es, von anderen gestellt, zu beantworten gilt, vielmehr ist es die Sicht der Umwelt auf einen selbst. Dinge werden kompliziert, weil kaum jemand glaubt, dass sie so einfach gemeint sind, wie man sie denn verstanden haben will. Was kann ich heute als Künstler überhaupt noch tun oder anders: gibt es heute überhaupt noch Künstler? Wie kann man an zentralen Punkten der Gesellschaft arbeiten, wenn nicht mehr ganz klar ist wo diese zu finden sind. Subkultur exploitieren? Ich war zwar mal in der Nähe derer, die so etwas wie Jugendbewegung darstellten, aber Mitglied wollte ich nicht sein - oder konnte ich nicht? Irgendwann habe ich mal im Fernsehen ein Interview mit Pierre Bourdieu gesehen, der mittels des Modells von ökonomischem und geistigem Kapital Jean Paul Satre Scheitern vorwarf, weil er sich gesellschaftlich falsch
positioniere. Das schien mir sehr einleuchtend und bestärkte mich, den zentralen Ort der Auseinandersetzung in der Wirtschaft zu suchen.

Nicht ins Management gehen, um dort Karriere zu machen, vielmehr, um zu sehen was dort ist. Um zu sehen ob die Shell-Studie recht hat, wenn sie die Psychogramme von erfolgreichen Künstler und erfolgreichen Manager als fast deckungsgleich bezeichnet. Eigentlich wollte ich nur ein Praktikum machen, um dann für einen bestimmten Zeitraum durch die Wirtschaftswelt zu tingeln und zu schauen, vielleicht sogar um zu forschen, vielleicht auch um eine Erkenntnis, ein Verhältnis zu dem zu gewinnen womit sich die Mehrzahl der Menschen beschäftigt. Nach und nach bin ich dann in kurzer Zeit dorthin gestolpert, wo ein karrierebewußter BWL Student gerne hin möchte: Nach 12 Monaten bin ich Assistent der Geschäftsleitung eines Handelskonzern mit nicht eben wenig, Umsatz. „Sie paktieren mit einem Mördersystem…“ warf mir neulich auf einem Vortrag in Berlin jemand aufgeregt an den Kopf. „Duchamp hat Brancusis verkauft“ zuckte es mir durch den Kopf, allerdings wurde ich dennoch rot, bestätigte, dass ich mich wohl auf dünnem Eis bewege und zitierte Steve Stevaert (s. o.).

Künstler beteiligen sich an Ausstellungen. Die Verwandtschaft, Freunde und Bekannte können diese temporären Zäsuren der Arbeit besuchen, bestaunen und kritisieren. Die Auseinandersetzung, die Arbeit ist öffentlich und scheint bis zu einem gewissen Gräde transparent. Vielleicht steckt hierin ein Teil des Utopischen der Kunst. In der Wirtschaft, im gehobenen Management haben nur Personen mit Magnetkarten, die ihre Identität beweisen Zutritt zu der Darstellung von Zwischenergebnissen. Das soziale Umfeld bleibt ausgeschlossen. Der Versuch zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Äußerung zu treffen, etwas präzises formulieren zu wollen, ist in der Wirtschaft selten und wird vom Tagesgeschehen hinweggegespült. Das System mystifiziert sich. Ab einem bestimmten Punkt wird das System nur noch durch ein Bild, ein sinnlich erfahrbares Ziel gespeist und das will auch gezeigt werden. „Ich bin ein sensorischer Mensch, ich muß das zumindest einmal angefasst haben…“ sagte nicht nur einer meiner Kunstprofessoren, sondern auch ein  Manager im Gespräch über virtuelle Darstellungsmöglichkeiten. Die Bereitschaft sich zu erschöpfen, die Bereitschaft an Bilder zu glauben und diese Material werden zu lassen, ist sicher etwas, was mich mit meinen „Kollegen“ auf beiden Seiten und meinem „Chef“ verbindet.

Im dauernden Denken an Bilder rettet man sich vielleicht vor der Frage, was denn ein Bild überhaupt ist, weil man sich immer nur fragt, was es sein will. Bildsprache - neulich gab es ein Symposium in Berlin zum Thema Bildsprachenkompetenz. Viele Menschen - Lehrer und Pädagogen - debattierten, wie man diese vermitteln könne; wie man Schüler und Studenten bildsprachenkompetent in die Welt entlassen kann. Irgendwann kam man dazu zu diskutieren, was das denn eigentlich sei und drehte sich im Kreis: Automatische Zeichnungen, Installation, Fernsehen, Werbeanzeigen, Ölmalerei, Performance, alles Worte, die das Rechtschreibung-Korrektur-Programm meines Computers kennt, einzig Bildsprachenkompetenz wird lustig rot unterkringelt - wenn man es schreibt.

Während meines Praktikums bei dem Lebensmittel konzern reiste ich eine Zeit lang mit sog. Fleischfachberatern durch die Supermärkte. Fleischfachberater beraten die Fleischer in den Supermärkten, wie sie am besten ihre Fleischtheken bestücken, wie sie das Fleisch am besten veredeln, damit sie es teurer verkaufen können, wie sie mit der Lagerhaltung umgehen, etc. Zentrale Aufgabe ist die Fleischtheke.

Diese zu gestalten folgt entweder einem strategischen oder einem persönlichem Konzept und soll den Kunden zum Kauf nötigen. Ein Herr, mit dem ich reiste, handelte aus einer persönlichen, um nicht zu sagen inneren, Notwendigkeit heraus. Neben ihm vor einer Fleischtheke stehend, fühlte ich mich, wie sich meine Verwandten fühlen, wenn sie mit mir ins Museum gehen, sich vor irgendetwas hinstellen müssen, und ich versuche ihnen nahe zu bringen, welche Erkenntnis sich mir dort auftut oder auftat.

Der Fleischfachberater machte mich auf die unterschiedlichen Maserungsverläufe der Rumpsteaks aufmerksam, auf das wenig gelungene Zusammenspiel von Schwein und Pute, von Kotelett und Filet. Er erklärte mir dass dies eine wirklich unmoderne Theke sei, voll mit Stückgut und ohne trendbewußte Akzentuierungen. Eine Theke, die geradezu bockig das Heute ignoriert und
Fleischthekensprachlich in die 50er Jahre, Nachkriegszeit, gehört. Im Auto sprachen wir über die Theke und vor allem darüber, das dies viel mit Malerei zu tun hätte: „Ne, lass man, mein Jung, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht…Fleischtheken baue ich dir auch nachts, aber sobald du weg bist, machen die doch was sie wollen!“ Mit „die“ meinte der Fleischfachberater die Fleischer, die täglich die Theke neu bestücken, die eigentlichen Besitzer der Theke, die Galeristen sozusagen.

In der Wirtschaft zu sein, ist ein Forschungsprojekt, ist der Versuch ein Verhältnis von innen heraus zu gewinnen: Die Reichen nehmen heute den Armen die Arbeit weg, weil sie sich in der Maßlosigkeit verlieren, das Bild real werden zu lassen und sie scheitern an der Realisierung, weil sie keine Zeit mehr haben, in der Hausarbeit, beim Abwaschen und beim Staubsaugen, wirklich komplexe Probleme kennen zu lernen.

Grundlage der Arbeit in der kapitalistischen Welt sind die Begriffe Identität, Selbstausbeutung und Qualität. Jeder strebt danach seine Abläufe - privat oder beruflich - qualitätvoll zu gestalten, d. h. wenn ich, um bei dem Beispiel der Hausarbeit zu bleiben, den Abwasch mache, dann bemühe ich mich, eine optimale Logistik zu entwickeln. Ich nehme die Verantwortung für den Abwasch an und deshalb löse ich diese Aufgabe möglichst effektiv. Ich habe den Teller dreckig gemacht, niemand wird kommen und ihn von allein wieder in den Schrank stellen. Dies ist meine Aufgabe und da ich erkenne, das es meine Aufgabe, ist perfektioniere ich den Prozess der dafür notwendig ist: Ich organisiere ja selten den Abwasch nach dem Lustfaktor und wasche erst die Pfannen ab, weil mir das am meisten Spaß macht, sondern ich wasche erst die Gläser ab, weil diese am leichtesten kaputt gehen und am schmutzemp-findlichsten sind. Der persönliche Lustgewinn
liegt dann nicht mehr in der Tätigkeit an sich, sondern vielmehr in der Gestaltung des Ablaufes. Es interessiert mich in der Endkonsquenz nicht mehr das Ergebnis, sondern der idealste Ablauf um das Ergebnis zu erreichen.

Das Problem ist der Begriff „Qualität“. Die Grundlage unserer Gesellschaftsform ist „Qualität“, das qualitätvolle Handeln ist gleichsam Sehnsucht und Verhängnis. In unternehmerischen Zusammenhängen wird diese Sehnsucht zum zentralen Thema: Sobald ich eine Möglichkeit finde, mich mit einem Problem zu identifizieren, es zu meinem Eigenen zu machen, genau ab diesem Zeitpunkt versuche ich einen qualitätsvollen Prozess zu konstruieren. Die Konstruktion eines solchen Prozesses produziert Lustgewinn und jede Form des Lustgewinnes in einer Handlung produziert Tendenzen der Selbstausbeutung. Das ist ein menschliches Prinzip, das sich bei der künstlerischen Arbeit am deutlichsten manifestiert hat und nun zur allgemeinen Arbeitsstruktur des Kapitalismus geworden ist. Jeder erfolgreiche Arbeitnehmer nimmt jemand anderem Arbeit weg, weil er ja immer bemüht ist qualitätsvolle Abläufe zu gestalten, die letzten Endes eben auch weniger Arbeitnehmer brauchen. Sie werden vereinfacht, sind schneller auszuführen und das Produkt oder Ergebnis wird „qualitätsvoller“ trotz oder gerade weil weniger Menschen mitarbeiten. Was im Privaten noch funktioniert ist gesamtgesellschaftlich ein Problem, denn es ist offensichtlich, dass auf diese Weise immer weniger Menschen Arbeit haben werden. Arbeit im Sinne von Lohn- und Erwerbstätigkeit. Begrifflichkeiten verschieben sich. Identität, Qualität und Selbstausbeutung sind zunächst einmal Begriffe, die erst einmal nichts mit dem Begriffsfeld Arbeit zu tun haben, die eigentliche Arbeit wird dort vollzogen, wo diese Begriffe nicht mehr anwendbar sind, bzw. von der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen werden.

In der Blairistischen Idee der Think Tanks, der Schaffung von Orten gesellschaftlichen Potentials, sind Künstler die besten und zugleich die hilflosesten Gesprächspartner. In Zeiten der Nachmoderne hat kaum noch jemand damit gerechnet, dass Kunst eine gesellschaftliche Rolle über die des Hofnarrs hinaus erlangt, und nun wird man sogar gefragt. Für mich war und ist die
entscheidende Frage, wie man sich dem gegenüber verhalten soll - und dabei ist es aus heutiger Sicht relativ egal ob ich als Künstler oder als Schlachter in die Berufswelt einsteige. Entscheidend ist, ob ich etwas tue, mit dem ich mein Selbst verbinde: Identität entwickle und damit letzten Endes Verantwortung übernehmen muss. Wobei natürlich eine Berufsschicht, die sich zum Großteil doch eher ausserhalb der Gesellschaft sieht und mit der Rolle des mahnenden Warners kokettiert, letzten Endes dann doch noch eine besondere Verantwortung in der Frage, was man denn eigentlich noch machen kann, hat. Mittlerweile glaube ich, ich sollte mich als Arbeitsmarktberater bewerben und von dort aus das Thema thematisieren.

Ich müsste mich natürlich verpflichten keine Stellenangebote weiterzuleiten, sondern vielmehr deutlich machen, dass Identität sich nicht in ökonomischen Zusammenhängen bilden lässt, sondern dort nur Mittel zum Zweck ist. Wobei mir noch nicht klar ist, was der Zweck eigentlich ist und ob das gut oder schlecht ist. Dies ist beileibe ein Probleme, was differenzierter ist, als Kategorien wie Gewinnmaximierung oder soziale Anerkennung es glauben machen. Meine naive Vorstellung ist, dass man dort viel bewegen könne - aber sehr wahrscheinlich wird man dann,
wenn man nicht aufpaßt, Leiter eines Arbeitsamtes.

Autor des Textes

Armin Chodzinski

Armin Chodzinski, DE 2000, Revisionsbüro, 2000.

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