real[work]: Film/Video

Root Event

4. Werkleitz Biennale real[work]
real[work]: Film/Video
5. 7. bis 9. 7. 2000
D 2000

real[work] - Zur Auswahl der Film- und Videoprogramme

Die inhaltliche Ausrichtung der diesjährigen Werkleitz Biennale legte nahe, sich nicht ausschliesslich auf den Bereich der originär künstlerischen Arbeiten - Experimentalfilm und Videokunst - zu beschränken, sondern auch dokumentarische Ansätze mit aufzunehmen. Die von uns getroffene Auswahl will das Thema nicht buchstäblich einlösen (etwa auf den reichen Fundus der Filmgeschichte zur industriellen Arbeit zurückgreifend), sondern Filme und Videos präsentieren, die einen neuen Blick auf die komplexen Bezüge zwischen Wirklichkeit und Begriff von Arbeit ermöglichen.

Drei „klassische“ Dokumentarfilme - mit scheinbar wertfrei, aber präzise beobachtenden Kameras - beschreiben die Konditionierung des Menschen auf die Neue Arbeitswelt:

„Ziele: Die Schulung“ von Farun Farocki zeigt das Training des Managers (der zeitgenössische Held der Arbeit), dessen Sprache, Mimik und Gestik sich einem festgelegten Kanon überzeugten Optimismus anpassen muss.

Dominik Wessely dokumentiert in „Die Blume der Hausfrau“ den vielleicht einzigen Job, der in Überfülle angeboten wird: Vertreter. Als Dienstleister ist er Prototyp der zukünftigen Arbeitsmodelle zwischen unternehmerischer (Sub-) Selbständigkeit und leibeigenhaftiger Abhängigkeit gegenüber industriellem Auftraggeber und König Kunde.

In „Crazy English“ geht der Lehrer Li Yang einen bizarren Weg zwischen kollektivem Sozialismus und individualistischem Kapitalismus, indem er stadionweise den Chinesen von seiner wortschöpferischen Grammatik des globalen Wettbewerbs predigt.

„Roger & Me“ und „The Target Shoots First“ dagegen sind in ihrem Ansatz weit subjektiver. Während ersterer die Perspektive entlassener Arbeiter einnimmt, filmt Wilcha in der Tradition des experimentellen Diary-Films seine eigene Arbeitswelt in der Marketing-Abteilung des Musikgiganten Columbia House. Dezidiert beschreibt er, wie er ungewollt mit seinen kreativen Ideen die Entwicklung effektiverer Betriebsstrukturen und Vermarktungsstrategien vorantreibt. Sogar seine kritische Reflexion dieser Instrumentalisierung wird letztlich als Beitrag zur Unternehmenskultur verstanden.

Zentrales Moment blieb für uns jedoch die Frage, was Film- und Videokunst zu der Problematik der Arbeit beitragen können. Bewusst haben wir dabei sowohl in der Zusammenstellung als auch in Titeln und Beschreibungen der einzelnen Programme provozierende Formen gewählt. Uns geht es darum, die festgefahrene Debatte wenigstens für den Zeitraum des Festivals in eine etwas lebendigere zu verwandeln, die die Umgestaltung der Arbeit nicht nur als soziale Katastrophe, sondern auch als Chance sieht, ein neues Verhältnis zu dem zu bekommen, was in unserer Gesellschaft zwar Arbeit heisst, aber immer nur das Paradigma der Verwertung meint.

Text von

Marcel Schwierin & Florian Wüst

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