Real Virtuality: Der Wächter

Root Event

3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Real Virtuality: Der Wächter
1998

Nachdem man den Jugendclub betreten und die Clubräume durchquert hat, erreicht man die völlig verdunkelte Sporthalle. Hier hat Rotraut Pape die Multimedia-Installation „Real Virtuality: Der Wächter“ aufgebaut, über deren hochkomplexe, computergesteuerte Technik ein in der Mitte des Raumes erleuchtetes Feld anfangs noch nicht viel verrät. Ein Videobeamer wirft eine sogenannte „Kernspintomographie“ (eine Art Röntgenaufnahme) eines sich langsam im Kreis drehenden Kopfes an die Wand.

Als Technik zur Erkennung von Hirntumoren können mit solchen Aufnahmen tiefliegende Schichten des Körpers sichtbar gemacht werden, wodurch im Gegenzug allerdings jede Darstellung von Dreidimensionalität unmöglich wird: Der sich drehende Kopf erscheint zuweilen als rotierende Maske, d. h. als langsames Hinübergleiten zwischen „konvex“ und „konkav“. Betritt man nun das etwa zwei Meter große Lichtfeld, so erscheint eine zweite, erheblich größere Videoprojektion ähnlicher Aufnahmen. Diesmal verläuft die Bewegung des Bildes aber wie ein Querschnitt durch den Kopf, der dadurch als dreidimensionaler Körper aus dem Nichts erscheint, zu seinem vollen Umfang anwächst und dann wieder verschwindet. Der Kreislauf des Erscheinens und Verschwindens wird dabei durch das Lichtfeld, das eine Art Aktionsradius anzeigt, gesteuert: Innerhalb der erleuchteten Fläche wird jede Fortbewegung des Betrachters per Infrarotgerät erfaßt und als Steuersignal – „vor“ oder „zurück“ – an den Videobeamer weitergegeben. Kann man durch das Eindringen in einen bestimmten „Spielraum“ zu wortwörtlich durchdringenden Einblicken in die Konstitution eines anderen kommen und diese manipulieren, oder markiert das Licht eine attraktive Tabuzone, in der man selbst anscheinend völlig erfaßt und „durchleuchtet“ wird? Ungehindert könnte nun jedes individuelle, physiologische Detail analysiert werden.

Die Atmosphäre dieser Installation ist genauso gespenstisch wie kontemplativ. Hier werden gescannte Halbwesen erzeugt, deren Körperlichkeit auf ein simuliertes Exerzitium reduziert ist, wodurch der Charakter der Sporthalle als ein Ort verschwitzter Ertüchtigung wirkungsvoll kontrastiert wird: Beide Videoprojektionen – sowohl die kontinuierliche als auch die interaktive – werden von einer elektronisch erzeugten Sound-Fläche begleitet.

Rotraut Pape (D), Real Virtuality: Der Wächter, Jugendclub Werkleitz, Sporthalle, Multimedia-Installation zur Biennale, Zwei interaktive computergesteuerte Videoprojektionen, Ton
Interaktives System: Jacques Bigot, Collaboration: Gérard Couty, Kernspintomographien: Daniel Heyer

 

Explore

Überveranstaltung