Raben und Rosen

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen Angst in Form – Kunst im öffentlichen Raum
Raben und Rosen
1. 9. bis 30. 9. 2010
Raben und Rosen, 2010, © Henrik Schrat

Schrat beschäftigt sich mit dem Auferstehungsmythos Barbarossas und dem nahegelegenen Rosarium in Sangerhausen.

Das Projekt:
Raben & Rosen ist eine Arbeit, die mit einfachen Formen komplexe Zusammenhänge aufruft. In Sangerhausen am Kyffhäusergebirge entstehen Rorschachtests in Schwarz, folkloristisch gepresste Rosenblütenblätter und ein brennender Rabe. Der Tuscheklecks steht, ähnlich wie der schwarze Rabenvogel, für Angst – dekorative Rosenblätter stehen dagegen für Hoffnung. Dahinter verbirgt sich eine Klarheit, die im partizipativen Prozess vor Ort leicht und verständlich einsetzbar ist.

Henrik Schrats Gespür für kontextbezogene Metaphern bezieht sich in diesem Projekt einmal mehr auf lokale Geschichten und erzeugt daraus Bilder: Die Bildsprache der komplexen, erzählerischen Wandbilder und Comics, die Schrat bekannt gemacht haben, wird hier wieder aufgerufen und zu einfachen Bildern und Handlungen kondensiert. Die Arbeit schließt unmittelbar an zahlreiche Projekte Schrats an wie Manager in Residence (London, 2000/2001), Produkt & Vision (Berlin 2005) oder seine kooperativ erarbeiteten One-Day-Comics (Birmingham/Berlin 2009). Der partizipative Charakter seiner Projekte als soziale Dimension steht in der Tradition der New Genre Public Art der 80er und 90er und der bewussten Konstruktion von Situationen im Sinne von Nicolas Bourriauds Relational Aesthetics

Was allerdings zu Beginn einfach ist, führt, angereichert mit kulturhistorischem Wissen, rasch zu komplexen Verzweigungen. Aus jedem Projekt entstehen schließlich einzelne Produkte, die am Ende als autonome Kunstwerke für sich stehen. Das macht ihre ursprüngliche Funktion problematisch und vice versa. Mit Raben & Rosen gelingt Schrat eine Fusion aus beiden Aspekten: dem Projekt- und dem Produktcharakter der Kunst. Auf die Frage nach dieser doppelten Bedeutung ruft er den französischen Philosophen Jaques Rancière auf. Rancière hat unter dem Begriff des „aesthetic regime“ der Kunst eine Scharnierfunktion zwischen Autonomie und sozialer Funktion gegeben, ja diese geradezu zur Bedingung gemacht. Die gegenseitige Ausschließung, wie sie die Moderne propagiert hat, wird im Rückgriff auf Friedrich Schiller und seinen Spieltrieb beigelegt.

Die Realisierung
Im Rahmen eines Workshops mit Jugendlichen des Christlichen Jugenddorfes (CJD) Sangerhausen entstehen auf weißen A3-Blättern schwarze, schmetterlingshafte Gebilde – in diesem Projekt „Raben“ genannt. Das Verfahren ist auch unter dem Begriff „Rorschachtest“ bekannt geworden. Für die sogenannten „Rosen“ werden vom Rosarium Blütenblätter zur Verfügung gestellt, die von den Jugendlichen gepresst und  – gleich einer traditionellen Folkloretechnik – dekorativ auf schwarze A3-Blätter aufgeklebt werden.

Abschluss und performatives Zentrum ist das Rabenbrennen am Kyffhäuser, die Verbrennung eines großen, aus Pappe, Holz und Papier gefertigten Raben. Sie wird mit Hilfe des dritten Projektpartners realisiert, dem Einar-Schleef-Arbeitskreis e. V. Sangerhausen. Die Aktion verweist auf Riten wie Mai- oder Erntefeuer oder auch das Verbrennen einer Strohpuppe zwecks „Hinauskehrens“ des Winters. Die öffentliche Verbrennung eines Raben hat eine komplexe Symbolik. Hier werden beängstigende persönliche und historische Deformationen vernichtet, die gerade in einer Legende wie der um das Barbarossa-Denkmal am Kyffhäuser immer wieder drohend auftauchen.

Die Stadt Sangerhausen, Schauplatz von Raben & Rosen, hat 25.000 Einwohner und nimmt seit Jahren einen Stammplatz in der Spitze der Erwerbslosenstatistik ein. Der Bergbau, von dem die Sangerhausener mehrheitlich lebten, wurde nach der Wende stillgelegt. Dabei ist die Lage der Stadt, 899 erstmals erwähnt, anmutig und schön, ihre Altstadt frisch restauriert. Herausragende Attraktion neben der Altstadt von Sangerhausen ist der Rosengarten, das sogenannte Rosarium. 1903 gegründet und von einzelnen Enthusiasten weitergeführt, ist es in über hundert Jahren zu Europas größter Rosensammlung herangewachsen. Inmitten dieser scheinbar zukunftslosen und depressiv anmutenden Gegend entfaltet das Rosarium seinen eigenen Zauber.

Das Barbarossa-Denkmal stellt Friedrich I. dar, den berühmten Kaiser Barbarossa (1122-1190), der hier schon so lang vor sich hindämmert, dass sein Bart durch die Marmorplatte gewachsen ist, auf der sein Kinn ruht. Die Geschichte Deutschlands im Mittelalter ist in dieser Region allseits bekannt und präsent, ja identitätsstiftend.

Die Legende besagt, dass der Kaiser Rotbart, der in einer Höhle unter dem Denkmal schläft, alle hundert Jahre erwacht und einen Zwerg ins Freie schickt. Und hier kommt der Rabe ins Spiel: Solange Raben um den Berg kreisen, muss der Kaiser weitere hundert Jahre schlafen.

Wenn er erwacht, so die Sage, wird er oben in der Welt wieder Ordnung schaffen.

Welcher Gestalt auch immer die Ordnung zu sein hat — diese Art von säkularisierter Christusgeschichte ist mit Hoffnung geladen. Ihre progressive Zeit hatte sie in der Romantik, bevor die Kaiserzeit sie zu einem der klebrigen Mythen anschwellen ließ, die im Dritten Reich sehr willkommen waren. Seitdem ringen wir damit, ein reflektiertes Bild davon zu gewinnen. Der springende Punkt an Schauplatz und Legende sind die kreisenden Raben. Der tiefschwarze Vogel mit seinem bedrohlich harten, langen Schnabel bietet einen komplexen Symbolcharakter. Raben verursachen ein starkes Gefühl von Bedrohung, das in dem Moment verschwindet, in dem die Vögel wieder wegfliegen. Dann setzt ein Gefühl von Hoffnung ein.

(Text: Christine von Brühl)

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