Past Bar

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Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine

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Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine Ausstellungsparcours
Past Bar
DE 2019
Holmer Feldmann feat. Piotr Baran, Past Bar, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Falk Wenzel
Holmer Feldmann, Found Footage (Filmstill) 2019
© Holmer Feldmann

In der Past Bar von Holmer Feldmann feat. Piotr Baran geht es um das Vergessen. Multiple Autorenpersönlichkeiten zeigen Ausschnitte einer ausufernden Sammlung touristischer Szenen und deren spezifischer Dingwelten. Ein endloses Archiv scheinbarer Belanglosigkeiten, in dem sich Bilder und Dinge überlagern, Digitalisate von Super-8-Filmen neben Hobbykellertresen, Biedermeiertischchen und Nüsschenschalen. Die Past Bar, welche während der Ausstellungszeiten auch wirklich als Bar fungiert, ist keine gebaute Ruine, sondern ein ruinöses Modell. Dieses Modell von Vergänglichkeit ist deshalb zugrunde gerichtet, weil es nicht eine wahre Erinnerung oder einen authentischen Augenblick vermittelt, sondern Störbilder und Randnotizen zeigt. Wie jedes Modell lässt es Informationen weg, verkürzt und verkleinert. Was bleibt? Das unmögliche Unterfangen namens Erinnerung – Total Recall.

Interview Holmer Feldmann und Piotr Baran mit Daniel Herrmann und Alexander Klose

AK+DH: Ihr seid Künstler und Sammler. Eure Sammlung hat zu gleichen Teilen etwas von einem Design- und Ausstattungsfundus, einem Konvolut verschiedener künstlerischer Strömungen des 20. Jahrhunderts und einer Art alltagsarchäologischem Archiv. Holmer, ein Kritiker hat einmal gesagt, dass dein Arbeitsprinzip darin bestünde, in dein Archiv hineinzurufen und zu hören, was zurückkommt. Wie weit in der Zeit gehen eure Bestände zurück, und welcher Teil der Sammlung hat geantwortet, als ihr „Modell und Ruine“ hineingerufen habt?

HF: Der Beuys-Sammler Franz Joseph van der Grinten hat mal gesagt, nicht Sammeln sei wichtig für ihn, sondern Horten. So oder ähnlich zumindest ist es mir in Erinnerung. Und so oder ähnlich wurde auch gesammelt. Ein Horten von Dingen. Dabei waren dann auch immer Briefe und Postkarten, Fotos, Negative und Super-8- und Normal-8-Filme, grob aus den vergangenen hundert Jahren.

PB: Wer ein Foto oder einen Film macht mit der Absicht der Erinnerung, versucht einen Moment, einen Menschen, ein „touristisches Highlight“ festzuhalten. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist, mit einer Ausnahme: Kinder, vom Ich gelöste aufkommende Generationen. Der Rest ist nur vorprogrammierter Schmerz. Der im Jetzt gedrückte Auslöser der Kamera konfrontiert einen mit der Zeit nur mit dem eigenen Zerfall und dem daraus resultierenden Verlust. Die Filme der Past Bar sind in diesem Sinne Modelle und  Ruinen zugleich, weil Sie gescheiterte Projektionen sind.

AK+DH: Die Bilder und Artefakte aus dem Mittelmeerraum, mit denen ihr euch in eurer Arbeit an der Past Bar beschäftigt, bilden quasi den Urschlamm eines technisch bereitgestellten und aufbereiteten, touristischen Erinnerungsschatzes. Von der Italien- und Griechenlandsehnsucht der Klassik und Romantik bis zum endlich auch für den sogenannten kleinen Mann möglichen Sommerurlaub am Strand von Jesolo oder Rimini und später dann in der ganzen Welt in den Nachkriegsjahrzehnten. Was ist dieses „Italien“ für euch? Welche Rolle spielt der Tourismus in eurer Arbeit?

PB: Wir haben uns bewusst entschlossen, jede touristische Sehenswürdigkeit aus dem Material herauszuschneiden, um der informativen Plattitüde aus dem Weg zu gehen. Jeder kennt die Akropolis und sie vehikuliert nichts außer der Information, die Akropolis zu sein. Die Akropolis ist gleichgültig in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie verändert sich nicht, sie lebt nicht wie Autos rosten, Straßenzüge expandieren oder Menschen sich lieben. Der touristische Aspekt ist irrelevant. Ich würde an der Stelle eher zu dem Aspekt des Sammelns, der Suche ist, zurückgehen. Das Italien, was ihr meint, ist nicht geopolitisch motiviert; es kann ein Licht, eine Stimmung, ein Missverständnis sein. Egal wo. Es kann auch die eigene Erinnerung sein, die man sucht, oder die Nicht-Erinnerung.

Es ist davon auszugehen, dass unsere Erinnerung orange ist. Wir lagen alle als Baby, als ungeprägtes Wesen in irgendeiner Liege. Und über dieser Liege hing meistens eine Lampe. War das die Küche? Durch unsere geschlossenen Augen schoss das Licht, und es war warm und rötlich wie das Blut in unseren Augenlidern. Dann kamen die Erzählungen, geographischen Angaben und Ereignisse, an die wir bis heute glauben.

HF: Kino und Fernsehen sind voll mit Produkten, die von Erinnerung erzählen. Darum geht es in der Past Bar nicht. Alte Dias und Filme als Erinnerungsstützen sind Krücken und funktionieren auch für mich nicht. Mit dem Foto einer Situation wird nicht viel mehr als das, was da ist, ausgelöst: das Foto. Der touristische Blick ist fast immer nicht individuell. Das Individuelle aber wurde in zehntausenden von Dias und hunderten Filmen von uns gesucht. Quintessenz der Filmsuche werden die Bilder sein, die man in der Past Bar sehen kann: gekürzt um wiedererkennbare „Points of interest“, befreit von allzu viel Statik (dem gefilmten Dia-Vortrag), nicht mehr so sehr massenhaft, ein wenig individueller, teilweise sehr kurz, so dass die Kürze vom Weglassen kündet.

Die von euch zitierte „Sehnsucht“ gilt mehr dem Reisen an sich, ich meine damit: „woanders-als-was-ich-schon-kenne-zu-sein“ .

Also: in der Past Bar werden Super-8 und Normal-8-Filme abgespielt, zwei bis drei Projektionen laufen unterschiedlich groß und unterschiedlich lang. Eventuell laufen hier Filme ganz durch, sind in einer anderen Projektion jedoch durch ein Programm von Piotr Baran „gestört“ bzw. im Ablauf verändert. Immer geht es vorrangig um die Bar als Ort zum Trinken von alkoholischen Getränken und Kaffee (und zum Konsumieren von ein paar Oliven oder kleinen Häppchen oder Chips) und dabei: um die Zeit! Darum, die Welt außen vor zu lassen, zu vergessen. Da kann man dann eure Fragen in Ruhe beantworten …

AK+DH: Eine bemerkenswerte und seltsame architektonische Erscheinung, die in der Frühzeit der Moderne eine wichtige Rolle gespielt und uns für das Ausstellungsprojekt inspiriert hat, ist die gebaute Ruine. Ein Ort, der vorgibt, das Relikt vergangener großer Zeiten zu sein, der aber konsequent für den Gebrauch in der Gegenwart seiner Erbauung als Denk- und Gefühlsbild hingestellt ist. Würdet ihr die Past Bar als gebaute Ruine bezeichnen? Kann die Bar die Zeiten überdauern, und was überdauert in ihr?

PB: Die meisten Menschen, die in der Past Bar projiziert erscheinen, sind schon gestorben. Vielleicht wäre es in ihrem Sinne, dass man sie dementsprechend mit einer speziellen Software aus den Filmen radiert. Dann würden nur noch leere Landschaften an uns vorbeispulen, die Ruinen ihres Lebens, damals gedacht als kurzzeitige private Erinnerung, heute ein Monument, das sich wie alle Monumente der Vergänglichkeit widmet. Wir haben uns aber fürs Leben entschieden. In der Past Bar sind alle wieder da: so eine Art Afterhour, wo der Onkel und die Tante, die Frau des Kameramanns und ihre Liebhaber, die Cousins und Freunde der Familie stehen. Am Tresen oder rauchend in der Lounge, ihre Rauchwolken ins Projektorlicht pustend.

HF: Die Past Bar selbst wird nur temporär eingerichtet, Mitte Juni wird sie wieder geschlossen und abgebaut. Danach kann niemand und nichts mehr „gerettet“ werden. Es wird keine Bar sein, wo man danach nochmal „so hingehen“ kann. Vielleicht bleibt auch jemand auf der Strecke, der die Past Bar mit den „besten Zeiten seines Lebens“ identifiziert und für immer am Baum hinter dem Gebäude gelehnt wartet, dass sie wieder öffnet? Im Sinne der Fragen wäre es also wünschenswert, wenn die ganze Sache nach Abschluss eine gute Erinnerung bleibt. Und nein, so wie wir die Bar im Moment planen, wird es keine gebaute Ruine, sondern eher ein ruinöses Modell!

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