Paradies I, II, III

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Paradies I, II, III
AR 2004

Das Paradies steht für einen fernen Ort der Erfüllung und der Sorglosigkeit, ein Ort der Exotik und der Mystik, der nie erreicht werden kann und genau daher unvergänglich ist als Ideal und Gegenstand der Sehnsucht nach vollkommener Befriedigung. Das Paradies in den Religionen ist der jenseitige Ort des Seelenfriedens, da wo sich alles Streben auflöst im Unendlichen der Wunschlosigkeit.
Miguel Rothschilds Paradies (2004) besteht aus Shampoo, Orangensaft, Eiscreme, Süßigkeiten, Buchtiteln und Touristenzielen. In drei fotografischen Installationen hat der argentinische Künstler Dutzende von Markenartikeln, Zeitschriftencovern und Buchdeckeln, die alle mit dem ‚Paradies? werben, zu einer Assemblage zusammengefasst. Äußerlich hat Rothschild sie den im Hochmittelalter beliebten Bleiglasfenstern mit ihren Allegorien aus christlicher Bildtradition nachempfunden, wie sie besonders in gotischen Kathedralbauten zu finden sind. Kapitalismus als Religion?
Was der Künstler spielerisch und mit Ironie darstellt, sind zum einen die Botschaften der Konsumindustrie, die statt nur ein Shampoo zu verkaufen, ihre Produkte zu wahren Heilsbringern aufstylen, weil sie helfen, den richtigen Mann zu treffen (Shampoo), Gesundheit bis an das Lebensende zu schenken (Orangensaft) oder ungeahnte tranceartige Glücksgefühle zu verschaffen (Eiscreme). Oder wir kaufen ein Ticket und fliegen wahlweise ins paradiesische Südafrika, Neuseeland oder Bora-Bora (und wollen eigentlich auch nie wieder zurück ins richtige Leben). Wir kaufen keine Produkte, sondern Versprechen, Heilsversprechen. Werbung und Konsumindustrie operieren mit den Sehnsüchten, den nie zu stillenden Wünschen nach Glück und Zufriedenheit. Aber die Zufriedenheit will sich nicht einstellen, der diffuse Zustand der Erfüllung bleibt ungesättigt: „Das Begehren des Menschen zielt immer auf etwas, das nicht benennbar ist. Und deshalb muss man kaufen und kaufen und kaufen.“10
Wider der ‚Entzauberung der Welt’ wird das Markenzeichen Paradies für die irdische Art der Verführung, der Verführung zum Konsum benutzt. Aber diese Verführung mündet nicht in der Erlösung, sondern in der Verschuldung. Schuld verbindet sich im weltlichen (Konsum-)Paradies und religiösen Paradies emblematisch: In der christlichen Moralerzählung sind Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden, weil sie Schuld auf sich geladen hatten, sie der Verführung nicht wiederstehen konnten. „Der Kapitalismus hätte das Christentum nicht ersetzen können, wenn er nicht wesentlich christlich, essenziell religiös, als Kultreligion und Schuldreligion auf die Ersetzung eines Mangels gerichtet gewesen wäre. Christlich am Kapitalismus, kapitalistisch am Christentum ist ihr parasitisches Verhältnis zur Schuld.“ 11

Wer Schuld auf sich lädt, kann sich durch Bußsakramente entlasten, so die christliche Lehre. Die Bußbeichte als Akt der Versöhnung mit der eigenen Verfehlung ist in modernen Zeiten von Titelblättern und Talkshows übernommen worden, in denen der Grad der vorgetragenen Intimität zumeist das Erträgliche übersteigt. Die Bloßstellung individueller Fehltritte in der Öffentlichkeit hat Konjunktur. Wer mehr der introvertierten Praxis der Reflektion zugeneigt ist, begibt sich auf das Sofa eines Psychotherapeuten – oder kreiert aus den unterschiedlichsten Ausprägungen und Einflüssen spiritueller Welterklärungsmodelle, deren Austausch zwischen den Kulturen aufgrund von Migration, Medien und Mobilität stark gefördert wurde, seine eigenen, ganz privaten Kulthandlungen.

(Anke Hoffmann: Glaubenssysteme zwischen Medien, Markt und Menschen)

Miguel Rothschild, AR 2004, Fotografie auf Duratrans, schwarzer Karton, Neonlicht, jeweils 74 x 104 cm 
Courtesy the artist 

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