Nutz(lose) Tiere

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Nutz(lose) Tiere
16. 10. 2011

Zum Haustier kann prinzipiell jedes Tier werden, das man zähmen kann. Eipo – Umgang mit Schweinen, eine Dokumentation des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt, verfolgt den liebevollen Umgang der Eipo, einer Bevölkerungsgruppe auf West-Neuguinea, mit ihren Schweinen buchstäblich bis zu den gemeinsamen Ruhelagern. Eine Form des Zusammenlebens, die auch in Europa in ländlichen Gegenden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zum Beispiel in Russland zu beobachten war.
Nutztiere haben in der Zeit der Geschichte des Films von allen Tieren den größten Bedeutungswandel erfahren. Niemand überquert mehr die Alpenpässe mit Pferden oder Eseln. Aber nicht nur Esel und Pferde sind arbeitslos geworden. In The Dog and His Various Merits aus dem Jahr 1908 arbeiten Hunde noch als Karrenzieher von Milchverkäufern, während sie 2004 für Ken Wardrop zum Useless Dog geworden sind. Ganz so unbrauchbar finden sie aber immer noch nicht alle Filmemacher. William Wegmann weist in New and Used Car Salesman auf eine immer mögliche Funktion von Hunden hin, die viele Tiere erfüllen können. Wer vertrauensvoll mit einem Hund umzugehen weiß, gewinnt womöglich im Umgang mit einem Kunden dessen Vertrauen leichter, und schafft es dann auch, ihm einen Gebrauchtwagen zu verkaufen. Verkaufsfördend wirkt bei Wegman die Tatsache, dass es sich um einen astreinen Rassehund, einen Weimaraner, handelt. Dabei bekommt die Verbindung Rassehund – Gebrauchtwagen in Wegmans Film eine tiefere Bedeutung, wenn man sie auf der Folie der Geschichte der Rassehunde  ansieht.
Der auf äußere Homogentität gezüchtete Rassehund ist von Beginn an ein Statussymbol in entwickelten Hochkulturen. Von den Pekinesen, den chinesischen Palasthunden, bis zu den Jagdhunden im Mittelalter, die nur vom höfischen Personal gehalten werden dürfen. Die Spiegelung der gesellschaftlichen Stellung im Hund geht soweit, dass Bauern ihre unehrenhaften Köter zur besseren Unterscheidung im Spätmittelalter am „freien“ Gang hindern müssen, indem sie ihnen Knüppel an den Hals hängen oder ihnen ein Bein brechen.

Erst in den Städten, beginnend im 17. Jahrhundert, weicht die Unterscheidung von hoch und niedrig auf.  Hunde werden zu modischen Accessoires. Das führt zu neuen Züchtungen, passend zu den Farben der Saison. Dem verdankt der Pudel im Rokoko seine Entstehung. Da die Hunde aber auch nach der Saison noch da sind, wandern sie vom Salon auf die Straße in den Besitz des gemeinen Volkes. Als karrenziehende Arbeitshunde finden sie ebenso Verwendung wie als Gefährten vereinsamter Menschen. Auch die Zahl der herrenlosen Hunde auf den Straßen steigt. 1830 führt zum Beispiel Berlin zu den Hundemarken die Hundesteuer ein, auch um den Zuwachs einzudämmen.
Der filmisch bedeutendste Wandel betrifft allerdings die Pferde. Die Geräuschkulissen von Städten bestimmen ihre Hufschläge ebenso nicht mehr, wie das Gebrüll betrunkener Kutscher, wenn ihre Pferde mal wieder bockten. Ein Sprung, dessen kulturgeschichtliche Bedeutung erst langsam auch wissenschaftlich erfasst wird. Man kann ihn einfach am Beispiel des Philosophen Friedrich Nietzsche illustrieren. Nietzsches gesundheitlicher und intellektueller Zusammenbruch wird in Turin ausgelöst, als er ein Pferd sieht, das von einem betrunkenen Kutscher sinnlos ausgepeitscht wird. Nietzsche, der Philosoph, der das Mitleid leugnete und verdammte, warf sich darauf aus Mitleid dem Pferd an den Hals, um es vor den Schlägen zu schützen. Wer den kulturellen Sprung zu heute ermessen will, muss einfach nur versuchen sich vorzustellen, dass Nietzsche ein Auto umarmt.
Wo die Pferde gelandet sind, nachdem sie im Straßenverkehr überflüssig geworden waren, das zeigt der polnische Regisseur Zbigniew Raplewski in seinem Film Rassepferde. Kommentarlos beobachtet Raplewski die Pferde auf einem Gestüt im Pferdezüchterland Polen. Der Film ist ein schönes Beispiel aus der Schule des kurzen polnischen  Dokumentarfilms, der fast ohne Menschen im Bild auskommt. Nur am Schluss sieht man kurz eine Hand mit Halfter. Ganz so mühelos ist die Tierhaltung aber immer noch nicht überall. Ein Viertel Schäferstündchen, ein Dokumentarfilm über eine Schäferin in der DDR von Uwe Beltz, und der Schäfer Christian Winz vom Landgut Krosigk als Gast werden im Programm davon erzählen.

Filmprogramm

  • Âne / Esel, Étienne-Jules Marey & Georges Demenÿ, FR 1893, 1 min, stumm; Archiv Cinémathèque Française
  • The Dog and His Various Merits, Pathé, FR 1907, 2 min; Archiv EmGee Film Library
  • Useless Dog, Ken Wardrop, Ireland 2004, 5 min
  • Eipo (West-Neuguinea, Zentrales Hochland) – Umgang mit Schweinen, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, DE 1975, 13 min
  • Rassepferde, Zbigniew Raplewski, PL 1963, 12 min; Archiv Bundesarchiv-Filmarchiv
  • New and Used Car Salesman, William Wegman, USA 1974, 2 min
  • The Herd, Ken Wardrop, Ireland 2008, 4 min
  • Ein viertel Schäferstündchen, Uwe Belz, DDR 1979, 19 min
  • Thomas und die Kuh, Heiko Fischer & Torsten Lohrmann, DE 1995, 3 min
  • Dhia Dhikir, Abu Ali aka Toni Serra, MO 2004, 6 min
  • A Mark of Wholesome Meat, U. S. Dept. of Agriculture, Motion Picture Service, USA 1964, 2 min (Ausschnitt)

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