Nestkastje & o.T.

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Nestkastje & o.T.
1997/1998

Vom Innenhof des Kultur- und Heimatvereins erreicht man die zur Zeit weitgehend ungenutzten Schuppen, Lagerräume und Ställe sowie die ehemalige Scheune des Gehöfts. Zur 3. Werkleitz Biennale hat hier Wim Delvoye in einem Stall seinen Ausstellungsbeitrag untergebracht: zwei lebende Schweine, acht Monate alt und ca. 90 kg schwer. Eines der Schweine trägt große Tattoos auf Rücken und Hinterteil, und zwar solche Embleme, mit denen manche Motorradfahrer etwa ihre lebenslange Liebe zur Freiheit (die eben auf der Harley Davidson gefunden werden könne) oder ihren Haß auf eine als spießig erlebte Welt markieren. Ob als Schmuck, als Bekenntnis, als persönliche Narbe oder als Protest – Tätowierungen sind immer Manifestationen der (gewünschten) Andersartigkeit und der Abgrenzung: Wer sich z. B. im Gesicht tätowieren läßt – ein Teil des Körpers, der sich nicht verstecken läßt – zieht einen tiefen Graben zu der Gesellschaft, in der er lebt und wird bezeichnenderweise in dieser wohl auch keine Arbeit mehr finden. Ein lebendes Schwein – ein Nutztier und Fleischproduzent für den Menschen, aber auch ein Schimpfwort – zu tätowieren (ausgerechnet auch noch mit martialischer Rockeremblematik) und dann als Kunstwerk auf Ausstellungstournee zu schicken, ist in mehrfacher Hinsicht äußerst perfide. Nicht nur, weil es dann neben dem unbearbeiteten, „normalen“ Schwein (das stets zur Begleitung mit auf Reisen geht) auf einmal nackt aussieht. Obwohl das Schwein unter veterinärmedizinisch bestmöglichen Bedingungen schonungsvoll tätowiert wurde, ruft diese „Arbeit“ natürlich immer die Tierschützer auf den Plan („Tierquälerei als Kunst“) und entfacht dadurch stets Grundsatzdiskussionen über den Umgang zwischen Mensch und (Massen-) Tier. Im Unterschied zu einigen früheren Ausstellungsorten von Delvoyes Kunstschweinen, bei denen ein Stall in den jeweiligen White Cube eingebaut und damit dessen starke Künstlichkeit unterstrichen wurde, sind die Schweine zur Werkleitz Biennale in einem „passenden“ dörflichen Ambiente zu sehen. Dadurch wird der Kontrast zwischen „artgerecht“ und „artfremd“, also zwischen „normal“ und „pervers“ aber noch erhöht, denn die Tätowierung ist eine Kulturtechnik, die man wohl im städtischen Kontext ansiedeln würde und ihre Träger sind tendenziell eher die outlaws – oder besser outcasts – dieses Kontextes.

Ähnlich perfide operiert auch die zweite Arbeit von Wim Delvoye: An einer Außenwand im Innenhof hängt ein „Nestkastje“, ein Vogelhaus, das in eine nietenbesetzte Montur aus schwarzem Leder gezwängt wurde, die sofort an S/M-Sex Accessoires erinnert. Und just um die Einstiegsluke für den Vogel, der hier vielleicht brüten würde, verläuft dann auch der typische, verchromte, schwere Ring, der die Ledergurte zusammenhält und bei solchen sex-aids zur Betonung bestimmter Körperstellen dient. Man könnte nun frivole Spekulationen über den Bewohner dieses Häuschens anstellen, so wie man sich fragen kann, welche privaten Praktiken sich hinter all unseren Hausfassaden verbergen. Wer ist der Träger/Benutzer dieses Lederkorsetts? Wieder thematisiert Delvoye hier anhand eines „unzivilisierten“ Tieres sowohl heimliche als auch öffentlich zur Schau getragene kulturelle Indikatoren, die gemeinhin für Abgründigkeit und gesellschaftliche Perversionen stehen, zumindest aber irgendwie negativ besetzt sind und beim Betrachter moralische Instanzen aktivieren. Obwohl seine Arbeiten in diesem Sinne viel spektakulärer und in der Pointe schwärzer sind, besteht inhaltlich und methodisch eine offenkundige Nachbarschaft zu den Beiträgen von Susanne Bierwirth.

Wim Delvoy (B), Vogelhäuschen, 34x29x21 cm, Lederbezug mit Nieten, 1997

Wim Delvoy (B), Zwei Hausschweine, eines davon tätowiert, 1998

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