my [work] - Vom (berufs)tätigen Leben

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Filmprogramm
my [work] - Vom (berufs)tätigen Leben
8. 7. 2000
D 2000

Hinter den Koordinaten anonymer Statistiken, der Demoskopie der Einschaltquoten und der Amtssprache der Bezeichnungen verbirgt sich immer noch der einzelne Mensch. Wir sind weit genug entfernt von George Lucas „THX 1138“ Vision, in welcher die Mitglieder einer gleichgeschalteten Gesellschaft nur noch als Nummern identifiziert sind im täglichen Einerlei aus Arbeit und Unterhaltung. Andererseits wissen wir nur zu gut, dass „alle menschlichen Tätigkeiten bedingt sind durch die Tatsache, dass Menschen zusammenleben“  (Arendt, Hannah: Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München 1981. S. 27). Unser Sein lässt sich ohne ein gesellschaftliches Umfeld nicht denken, was bedeutet, dass die eigene Wirklichkeit immer gleichzeitig fiktionalisiert ist im Moment der Identifikation mit Rollenmustern und Wunschbildern. Es braucht schon lange keine totalitären Staatssysteme mehr, um in unserer Gegenwart der fortschreitenden Mediatisierung und Kommerzialisierung den ideologischen Zuschnitt individueller Lebensentwürfe zu produzieren.
Dieses Programm widmet sich dem Charme persönlicher Geschichten vom Leben, von der Arbeit(slosigkeit) und vom Tätigsein, die mit einfachen Mitteln vorgebracht und teils so treffend sind, als wären sie schlichtweg abgelesen von der Folie der grossen Erzählungen.

Die Muster „Familie Strassburger“ stellt sich den Fragen Bill Meyers, der Mitte der achtziger Jahre eine filmisch-soziologische Untersuchung zum Alltagsleben in der DDR durchführen konnte. Mit verblüffender Überzeugungskraft und durchaus nicht unschlüssigen Argumenten stimmen Mutter, Vater, Tochter und Sohn eine Hymne auf die Gesellschaftsordnung der DDR an. Sämtliche Aspekte des Lebens in Beruf, Schule und Freizeit scheinen hier allein dazu verpflichtet, als sinnvolle Arbeit geleistet zu werden.

Die Abziehbilder des ideologischen Gegners, des „American Way of Life“, folgen in „Meet The People“. Shelly Silver choreographiert die Statements verschiedener Personen zu einem Stück über Lebensumstände, Karrieren, Träume und Hoffnungen. Am Ende entpuppt sich die scheinbare Authentizität der Charaktere als der Stoff für einen Bausatz massgeschneiderter Identitäten, bekannt aus Film und Fernsehen.

Mit „Zwischen vier und sechs“ zeichnet Corinna Schnitt das wundersame Porträt einer (ihrer) Familie im Westen Deutschlands, in der die Strenge der eigenen Moral über alle Kategorien - von entfremdeter Arbeit bis zum Freizeitstress - erhaben scheint. Eine Parabel auf eine Mentalität, die ihre Beflissenheit selbst ausserhalb der Werktage nicht zu bändigen weiss.

Aufgepasst in den Rängen! Die Welt im Grunde so zu nehmen und lassen, wie sie ist, versprechen zumindest in „Wolkenbügel“ die Aussicht und -sagen des Kranfahrers Hermann Wallner während seiner Arbeit. Alexander Binder und Stefan Hafner schaffen damit eine Relation zum wirklichen Leben, die oft genug verloren geht auf den Grossbaustellen der globalen Marktwirtschaft.

Wie als Gegenbild zu den avatarhaften Charakteren in „Meet The People“ beschreibt der Filmemacher Stefan Hayn in „Ein Film über den Arbeiter“ die eigenen Erfahrungen mit wechselnden Studentenjobs. Seine persönliche Reflexion über den Umstand der Erwerbsarbeit schneidet sich mit dem unverstellten Zeugnis einer Gegenwart, in der die grosse (Unternehmens)politik den Leuten mit der blossen Hand ins Leben greift.

In Sandrine Dryver’s „Alter/Egaux“ schliesslich erzählen Arbeitslose in kurzen und eindringlichen Statements sowohl vom Verlust ihrer Identität als auch von ihrem zwiespältigen Verhältnis zur Lohnarbeit. Deutlich spürbar wird die Unterschiedlichkeit der Diskurse in Deutschland und Frankreich: Während hier eine geradezu kriecherische Unterwürfigkeit der öffentlichen Meinung gegenüber den Herren des Kapitals zu spüren ist, gibt es im französischsprachigen Raum eine sehr viel aktivere und kritischere Auseinandersetzung, die sich keineswegs auf die Branchen der Feuilletons zu beschränken scheint.

 

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