Museum of Non Participation

Root Event

Werkleitz Festival 2009 .move – new european media art

Parent Event

Werkleitz Festival 2009 .move – new european media art Ausstellungsparcours
Museum of Non Participation

Respondent

Museum of Non Participation
Museum of Non Participation

Marcel Schwierin

KAREN MIRZA & BRAD BUTLER, Museum of Non Participation

Das Museum of Non Participation (was man mit „Museum der Nicht-Beteiligung“ übersetzen könnte) ist ein Projekt der anderen Orte. Dem aktuellen Konzept des Museums als abgeschlossenem, konservierenden Container der bewährten Kunst setzen Karen Mirza und Brad Butler den ursprünglichen, griechischen Begriff des Museums als dem lebendigen „Ort der Musen“ entgegen – was eine wesentlich imaginäre Qualität voraussetzt. Das Museum in der heutigen Definition ist ein Ort des Ausschlusses: Es ist nur wenigen Künstlern bzw. Kunstwerken als Plattform zugänglich und – weltweit betrachtet – auch nur wenigen Menschen als Besuchern. Die zeitgenössische Kunst bleibt von beiden Seiten außen vor: Weder sind die Museen (im Gegensatz zu den Musen) ihr wesentlich zugetan, noch das Publikum.

Karen Mirza und Brad Butler stammen aus England, einem Land, welches voller Museen ist, und diese wiederum sind voller dekontextualisierter Raubgüter. Sie reisen viel, da fast alle Stipendien für Künstler heutzutage an Orte gebunden sind – was auch auf einen Aspekt des Titels .move verweist. So kamen sie auch in Pakistans Hauptstadt Karachi, eine Stadt praktisch ohne Museen, eine Stadt mit nur geringer Präsenz zeitgenössischer Kunst. In dieser postkolonialen Situation entwarfen sie die Idee eines anderen Museums, eines Museums als Intervention, eines Museums als Ort des Dialogs.

Das Museum of Non Participation ist an keinen Ort gebunden und an kein Medium, es ist nicht festgelegt, wer Künstler und wer Betrachter ist. Der klassische Weg des westlichen Egos – hier das Künstlergenie und sein Werk, dort das Publikum, dazwischen als vermittelnde Instanz das Museum – soll zugunsten einer kollektiveren, diskursiveren Form der Partizipation aufgebrochen werden. So fanden in Karachi in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern, Autoren und Aktivisten Workshops, Public Talks, Stadtrundgänge und Lesungen statt; die in Pakistan sehr verbreitete Kommunikation über Wandgemälde wurde aufgenommen, um das Projekt im öffentlichen Stadtraum zu installieren.

Wenn also Brad Butler und Karen Mirza gemeinsam mit dem Aktivisten Raymon Abdullah ein Wandgemälde in Karachi anbringen, das hier das Museum of Non Participation ist,[1] dann ist es dort, selbst wenn an diesem Ort weiter nichts stattfinden würde. Das Museum of Non Participation ist eine museale Behauptung. Das Paradoxon des Titels, das eigentlich den Normalfall des Museums beschreibt, in dem weder Künstler noch Publikum partizipieren, ist ironische Aufforderung und verweist auf die Irrealität des Vorhabens. Es ist eigentlich ein Non Museum.

In ihrem ebenfalls in Karachi gedrehten Film The Exception and the Rule(Pakistan/UK 2009, 37 min.), der Teil des Museums of Non Participation ist, tauchen die oben genannten Fragestellungen in ähnlicher, an den Problemen des ethnographischen Films orientierter Form wieder auf. Wie kann man einen Film über eine fremde Kultur machen und dabei den eigenen, eingeschriebenen Vorstellungen über diese entkommen? Weiterhin, wie ist es möglich, einen solchen Film zu machen und dabei auch die Perspektive derer mit einzubeziehen, die gefilmt werden? Und schließlich, welches filmische Format ist in der Lage, diese theoretischen Fragestellungen umzusetzen?

Das Ergebnis ist ein höchst eigenwilliger Hybrid aus mehreren filmischen Formen, die sich nicht gegenseitig durchdringen, sondern als Methoden zitathaft hintereinander gestellt sind. Dabei tauchen Formen des klassischen, ethnographischen Films ebenso auf wie die experimentellen des First Person Documentary,[2] des konzeptuellen Films oder des Fake.

The Exception and the Rule beginnt mit im Nachrichtenstil gedrehten Einstellungen von Obdachlosen in London und verweist im Kontext eines Films über Pakistan auf die typischen Elendsdarstellungen gerade aus der Dritten Welt, die allzu leicht vergessen lassen, dass offensichtliche Armut im reichen Westen ebenso zu Hause ist.

Die Texttafel „film is only comfortable with otherness as long as it’s not really other“ zieht die Linie zwischen dem folkloristisch Anderen, welches nur noch als hübsches Bild sein Dasein fristet und dem wirklich Anderen, wie etwa dem islamischen Fundamentalismus, der aggressiv und erfolgreich eine völlig andere Weltordnung vertritt, in der nicht nur Filmemacher und Betrachter dieses Films keinen Platz hätten, sondern auch Film als künstlerische Form selbst.

In langen Doppelbelichtungen werden dokumentarische Bilder Pakistans mit Zeitungsausschnitten verschmolzen, was einerseits Schrift als prägende kulturelle Ausdrucksform im Islam aufnimmt, andererseits auf die Einschreibung einer Kultur durch die Medien hinweist.

Die Filmemacher baten den Musiker Nigel Colasco, vor der Kamera zu beschreiben, was er hinter der Kamera sieht. So wird das Bild, welches man zunächst für ein typisches Straßeninterview halten könnte, zu einer mehrfachen Brechung des medialen Blicks: Dem Betrachter wird erzählt, was er nicht sehen kann; nicht durch die Augen der Fremden, sondern eines Einheimischen – der entgegen der ursprünglichen konzeptuellen Anweisungen über die bloße Beschreibung des Gesehenen hinausgeht und das Gesehene zu interpretieren beginnt.

In einer anderen Sequenz reperformt die Künstlerin Adeela Suleman als Ergebnis eines Workshops den konzeptuellen Film 30 Sound Situations [3] von Ryszard Wasko aus dem Jahre 1975, indem sie an öffentlichen Orten zwei Holzscheite vor der Kamera zusammenschlägt. Die medial-ironische Brechung Waskos (der damit die Film-Klappe, also den technisch-überflüssigen Teil des Filmes zum Thema seines Werkes machte) wird hier zur radikalen gesellschaftlichen Intervention: Adeela Suleman exponiert sich in der Öffentlichkeit ohne Kopfbedeckung und mit offenem Haar.

Mirza and Butler zitieren nicht nur den senegalesischen Filmemacher Ousmane Sembène mit seiner Kritik am Altmeister des ethnographischen Films, Jean Rouch – „you observe us like insects“[4] –, sie zitieren auch die Sprache des klassischen Dokumentarfilms, die schwarzweißen, authentisch wirkenden Aufnahmen, um sie dann mit grellen, künstlich wirkenden Farbstills des gleichen Motivs zu brechen.

Einfach zu dechiffrieren scheinen die schnell montierten Bilder von politischen Demonstrationen – man kennt die Bilder des wütenden, islamischen Mobs –, bis seltsame Schilder aus der Masse aufragen: „BE.INDIAN/BUY.INDIAN/GOODS.ONLY“. Die Feindschaft der ,guten‘ Demokratie Indien zur ,schlechten‘ Diktatur Pakistan prägt den medialen Blick auf das Land.

Eine dokumentarisch beobachtende Sequenz mit schönen und seltsamen Bildern Karachis wird, wie im klassischen Reisefilm, mit einem Voiceover verknüpft, nur dass dieses nicht übersetzt wird. So bleibt der Betrachter mit seinen nicht vorhandenen Urdu-Kenntnissen[5] und den Bildern allein.

Wenn das Museum of Non Partizipation ein Nicht-Museum ist, so ist The Exception and the Rule ein Nicht-Dokumentarfilm. So wenig man über das lebendige Moment der Kunst (mythisch repräsentiert durch die Musen) in einem Museum erfährt, so wenig erfährt man über eine fremde Kultur durch die Medien. Der Film verwebt die Bilder des Anderen in ein komplexes Geflecht aus medialen Zitaten und formalen Brechungen; er beharrt auf dem Moment unvermittelbarer Erfahrung – und fordert somit vom Betrachter die direkte, die ,unkomfortable‘ Begegnung mit dem wirklich Anderen ein.

Karen Mirza und Brad Butler definieren ihr Projekt als Teil des Museum of Non Participation:

„Unser Aufenthalt in Halle gipfelt in einer ortsbezogenen Performance im Intecta-Gebäude, einem ehemaligen Kaufhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Diese Performance setzt sich sowohl mit der Sozialgeschichte des Orts als auch mit der Performativität der Architektur auseinander. In Halle haben wir den Ort, seine Geschichte und imaginäre Zukunft erforscht und hinterfragt. Als Teil unseres kollektiven, diskursiven und prozessorientierten Ansatzes nehmen wir verschiedene Haltungen und Positionen zu Vermittlung, gesellschaftlichen Begriffen und politischen Handlungen ein. In diesem prozesshaften Rahmen luden wir Teilnehmer zur Beteiligung an den Recherchen in Form eines nicht-hierarchischen Workshops ein. Er drehte sich um die „Wiederaneignung der Stadt“, und wir nahmen unseren aktuellen Film The Exception and the Rule, der in diesem Jahr in Karachi/Pakistan entstand, als Ausgangspunkt.“

[1] Abbildung im Farbteil des Kataloges

[2] Filme aus der persönlichen Erzählperspektive der Filmemacher, seit den 1990ern ein zentrales Genre des experimentellen Films.

[3] Originaltitel: 30 sytuacji dźwiekowych

[4] In einer Debatte mit Rouch 1965. Wobei zu dessen Ehrenrettung hier angemerkt sei, dass er seine Landsleute ebenso ethnographisch-wissenschaftlich gefilmt hat wie ihm fremde Völker.

[5] Urdu-Sprachkurse wiederum sind Teil des Gesamtkonzeptes des Museum of Non Participation.

Karen Mirza & Brad Butler, Museum of Non Participation

Explore

Kurator

Überveranstaltung