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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft

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2002
Looking © Maria Thereza Alves
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Ein Jahr später

1974 ist in einem DDR-Schulbuch für Gymnasien die Weltkarte eingeteilt in die Farben Rot, Gelb und Blau. Brasilien, wie fast ganz Nord- und Südamerika, ist blau, d. h.  kapitalistisch. Nur Kuba ist rot.

1974 war kein gutes Jahr für Brasilien. Es war aber auch das Jahr, in dem meine Familie, die 1968 in die USA immigrierte, dorthin zurückging. Im ersten Jahr in den  Vereinigten Staaten machten meine Eltern mit mir einen Ausflug in den Central Park in New York. Ich trug meine neue festliche Osterkleidung, einen blauen Rock, eine  blaue Bluse, und hielt einen blauen Luftballon in der Hand. Unter den Bäumen saßen ein paar Hippies. Meine Mutter deutete auf sie und sagte, so wirst du werden, wenn du nicht ein artiges Mädchen bist. Am liebsten wäre ich zu ihnen gegangen und hätte mit ihnen unter den Bäumen gelebt. Aber dann dachte ich mir, dass sie  wahrscheinlich jemanden in blauer Osterkleidung mit einem ebenso blauen Ballon nicht gerade willkommen heißen würden. Um unsere Rückkehr nach Brasilien zu feiern,  gingen meine Cousins und ich auf eine Party. Wir durften nicht gleichzeitig in das Haus, da eine Versammlung von mehr als vier Personen illegal war und den Tatbestand der  Staatsgefährdung erfüllte. Im Haus hing ein Bild von Che, die Musik war gedämpft und wir sprachen leise miteinander. Später gab mir mein Cousin Zeco eine  mimeographierte Broschüre der Kommunistischen Partei Brasiliens. Er sagte, ich solle sie lesen und dann weitergeben oder verstecken. Und er sagte, falls ich erwischt würde, sollte ich nicht sagen, von wem ich sie bekommen hätte. Er war siebzehn und ich dreizehn. 1974 wurde General Ernesto Geisel, Sohn deutscher Eltern, der neue  Diktator Brasiliens und kaufte dem Land sein erstes, unnötiges Kernkraftwerk – von der BRD.

Auf einem Foto in dem DDR-Schulbuch sieht man eine Gruppe Jugendlicher sitzen, einer spielt Gitarre, und sie lächeln einem Polizeibeamten zu. (In diesem Buch gibt es  viele Bilder, auf denen junge Menschen lächeln.) Einmal nachts saßen meine Cousins und ich am Strand um ein Lagerfeuer und sangen. Plötzlich stürzte ein junger Mann  in unsere Gruppe, sprang über das Feuer und verschwand im dunklen Regenwald. Wenig später tauchten zwei Polizisten auf und fragten meinen ältesten Cousin, ob wir  jemanden gesehen hätten. Ohne mit dem Gitarrenspiel aufzuhören, sagte Piu nein, hätten wir nicht. Später, auf einem Rockkon- zert mit Rita Lee: Wir mussten  nacheinander den kleinen Saal betreten, dort setzten wir uns und warteten ruhig. Ringsum an den Wänden standen Soldaten mit Bajonett-bespickten Gewehren im Anschlag. Rita Lee wurde verhaftet. 1974 wäre das Jahr des Übergangs gewesen – das Jahr, in dem das Schlimmste der Militärdiktatur vorüber gewesen sei, heißt es. Domingos, später ein Mitbegründer der brasilianischen Grünen, damals ein Guerillero aus Rio, der gegen einen entführten westdeutschen Diplomaten ausgetauscht wurde,  sagte: „Du konntest immer noch nicht reden, du konntest immer noch nicht hören.“

Autor des Textes

Maria Thereza Alves

Eine von vier Videoarbeiten zu „Lunch in the ashes“. Container Installation, ausgestellt in Tornitz und Werkleitz, video, ca. 1,5 min

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