leisure [work] - Brüder zur Sonne, zur Freizeit!

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leisure [work] - Brüder zur Sonne, zur Freizeit!
5. 7. 2000
D 2000

Die Freizeitgesellschaft scheint die einzige Antwort des Spätkapitalismus auf den Mangel an Arbeit zu sein; wobei absurderweise gerade die, die Lohnarbeit nicht mehr ausüben dürfen, also reichlich freie Zeit haben, mangels Geldes von ihren Aktivitäten ausgeschlossen werden.

Die Raketenstarts und -unglücke in „Dein ist mein ganzes Herz“ setzen an den Hoffnungen der 60er Jahre an - die brillante Zvilisationskritik von Stanley Kubricks „2001 - A Space Odyssee“ und Bruce Conners „A Movie“ aufgreifend - dem irdischen Leben und seinen Begrenzungen entkommen zu können und werden so zur Karikatur phallischer Übermachtsphantasien. Die explodierenden Träume entsprechen ihrem Scheitern, sind andererseits jedoch, wie alle Katastrophen im Medienzeitalter, wesentliches Element der Unterhaltung, wie die gesamte Raumfahrt im Nachhinein daraus ihre zentrale Berechtigung abzuleiten scheint: vom Science-Fiction bis hin zur Satellitenschüssel.

„Kustom Kar Kommandos“ dagegen fetischisiert und ironisiert ein weit verbreitetes Ritual, die geliebte Bastelei am Automobil, dem bequemen Nachfolger der wilden Freiheit auf dem Pferderücken, in der der Mann - ganz im Gegensatz zu seinem üblichen Rollenverhalten - auch selbst den Feudel schwingt; was ansonsten in der Freizeitgesellschaft doch lieber den gleichermassen billigen wie rechtlosen EinwanderInnen überlassen wird.

Wie in den vorangegangenen Arbeiten steht auch in „Ich mache die Schmerzprobe“ ein technisches Gerät im Mittelpunkt, der Studiotrainer. Während in Arbeit und Alltag jegliche Bewegung und körperliche Anstrengung mit Hilfe von Maschinen, Autos, Rolltreppen, elektrischen Küchengeräten und Fernbedienungen vermieden wird, kehrt sich in der Freizeit die Rolle der Maschine um und dient nun der beschwerlichen Mühe, den eigenen Körper an die herrschenden Schönheitsvorstellungen anzupassen.

In „All You Can Eat“ wendet sich der Blick von den Verbrauchern der Freizeitunterhaltung zu ihren Protagonisten. Die schwitzenden, anonymen Körper der Pornodarsteller werden durch die Reduktion des Filmbildes auf ihr Gesicht wieder re-individualisiert; deutlich sieht man die Mühe der schweren Arbeit, die mit der Lust, die sie darstellen soll, nicht das Geringste zu tun hat. Der darunter gelegte dümmlich-suggestive Schlagzeugkurs vom Band, der wiederum gemacht wurde, um die Mühen der Instrumentenbeherrschung möglichst angenehm und billig zu gestalten (wegrationalisierter Lehrer), wird zum Hohn des stupiden Fumpens. „One, two, three, four. It’s really very simple. Now we get back again to some more complicated rhythm.

„Long Weekend - XTC“ spiegelt das Lebensgefühl einer neuen Generation, die in exzessiven Dauerparties eine Art von Schwerstarbeit vollbringt. Der klassische Lebensrhythmus des Lohnarbeiters, der sich die Woche über verausgabt, um am Wochenende seine Arbeitskraft zu rekonstituieren, wird hier umgekehrt; die Woche dient der Freizeitgesellschaft zum seelenlosen Dahindämmern in der ungeliebten Tätigkeit, die Energien erwachen mit ihrem Ende.

Durch seinen imaginären Fight gegen eine Lampenstrippe wandelt „Exercise (Boxing)“ die mühelose Tätigkeit des Lichtverlöschens in ein archaisches Drama, Relikt einer Epoche des Kriegers, gleichermassen schweisstreibend wie sinnlos. Als Anti-Prometheus steht er für die Sehnsucht des Menschen nach dem Dunkel, der Verweigerung von Reflektion und Aufklärung (enlightment), deren technisches Symbol die Glühbirne ist, und verweist so auf den letztlichen Grund für das Scheitern der hochgesteckten Hoffnungen der Moderne.

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