I/O/D 4: The Web Stalker

Root Event

3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction

Parent Event

I/O/D 4: The Web Stalker

I/O/D 4: Der „Web Stalker“ ist eine Softwareanwendung für das Lesen und Manipulieren von Informationen auf dem beliebtesten Teil des Internets – dem World Wide Web. Er kann von der I/O/D Website kostenlos heruntergeladen werden. Der „Web Stalker“ ist ein einmaliges, von Künstlern kreiertes Beispiel für eine tiefgründige Re-Visualisierung des Datenraums. Der „Web Stalker“ nutzt die Tatsache maschinenhafter und interpersoneller Kommunikation überall im Netz sowie die technologische Struktur und die Funktion des Netzes, um diese radikal zu verstärken oder zu rerouten.

Die meisten künstlerischen Arbeiten im Netz laufen darauf hinaus, Inhalte für Websites zu bieten. Diese Sites sind abhängig von der Art, wie die Browser die HTML-Zeichensprache, in der Webdokumente beschrieben und formatiert werden, auslegen. Diese Auslegung der Browser bestimmt die Wahrnehmung der meisten Leute hinsichtlich des Internets. Trotz Terabytes an „Inhaltseingabe“ von Künstlern bleiben die Konventionen undurchsichtig. Dementsprechend bleiben sie die dominanteste ästhetische Form im Internet. HTML erscheint dem Computer als Datenstrom. Das Vorhandensein individueller HTML-Elemente – Tags – äußert sich in spezifischen Rechenoperationen auf dem Computer der User, abhängig von der Software, die sie verwenden, um die Daten zu empfangen und zu interpretieren. Die Gelegenheit für dieses Projekt liegt in der Idee, daß diese Daten und wie sie visualisiert werden in einer Vielzahl von Konfigurationen formatiert werden können.

Der „Web Stalker“ führt eine technische und ästhetische Rechenoperation im HTML-Strom aus, die diesen sogleich verfeinert, neue Nutzungsmethoden herstellt, viele der enthaltenen oder verknüpften Daten ignoriert und einen Mechanismus liefert, durch den die tiefere Struktur des Webs erkundet und genutzt werden kann. Die verweissensitive Grafik erstellt die Links zwischen den HTML Dokumenten. Jede URL ist ein Kreis, jeder Link ist eine Linie. Sites, die mit mehr Linien gefüttert werden, haben leuchtendere Kreise. Geklaute Daten glänzen durch die einfache Tatsache, wieviele und welche Sites sich zu boredom.com, extreme.net oder wohin auch immer verknüpfen. (Falls sie nicht unter die genau zugeschnittene ignore.txt Liste fallen, die hinten im Stalker eingebaut ist.) Jede Äußerung der Figur, die sich auf dem Schirm bildet, ist einfach die Weiterverfolgung eines jeden Links. Die Grafik breitet sich flach in jede Richtung aus und erfindet eher Verknüpfungen, als Locations zu fälschen. Während der Browser nur eine „History“ im „Go“-Menü wiedergibt, weicht die Grafik jedem Stück des an die Innenseite des Bildschirms gepreßten Papieres aus, das die nächsten Stunden des Rumklickens beherrschen soll und damit bereits die Zukunft gestaltet – Schlösser zu knacken, soweit es irgendwie geht.
Die raffinierte Ästhetik des „Web Stalkers“ und sein technisches Einmischen greifen noch einmal die Meinung auf, daß das Internet ein Ort der Innovation und nicht der Besitzkultur ist, und schlagen weiter vor, daß die spekulative Auseinandersetzung mit Software als immer wichtiger werdender Schlüssel zeitgenössischer Kultur für Künstler und andere eine fruchtbare Beschäftigung ist.
Technische Entwicklung:

Ein Schlüsselfaktor bei der Form des Programmes und des gesamten Projektes ist die Sprache, in der es geschrieben ist: Lingo, die Sprache im Macromind Director – ein Programm, das normalerweise für Multi-Media Erzeugnisse und Präsentationen verwandt wird. Es ist zugegebenermaßen eine relativ umständliche Art und Weise, sich der Programmierung einer Anwendung zu nähern. Aber aus zwei Gründen haben wir uns dafür entschieden – wir konnten die Entwicklung des Interfaces sehr gut kontrollieren und NetLingo wurde gerade eingeführt, aber viel wichtiger war, daß wir bei I/O/D uns eben damit auskannten. Gerade, daß wir das Projekt trotzdem realisiert haben, so hoffen wir, ist eine Ermunterung für diejenigen mit den „falschen“ Fertigkeiten und wenigen Möglichkeiten, aber mit einem Bedürfnis, etwas zu tun und eine Provokation für jene, die bestens ausgebildet und ausgestattet sind, aber nie etwas tun.

http://www. backspace.org/iod/

Matthew Fuller, Colin Green, Simon Pope (GB), I/O/D 4: The Web Stalker, 1997

Explore