Insert 1 - 4

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6. Werkleitz Biennale Common Property / Allgemeingut
Insert 1 - 4
DE 2004
Alexander Rodtschenko, Inneneinrichtung eines Arbeiterklubs, Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes, Paris 1925

Vier installative Elemente greifen – im Zusammenspiel mit der speziell für die Biennale konzipierten Ausstellungsarchitektur und als Inserts innerhalb der Präsentation zeitgenössischer künstlerischer Positionen – modellhaft in das „Setting“ des Volksparks ein. Sie zitieren zum einen Displays und Architekturen von Alexander Rodtschenko, Laszlo Moholy-Nagy und Wladimir Tatlin, die in den 1920er Jahren prägnante Aussagen zur gesellschaftlichen Funktion von bildender Kunst, Theater und Architektur machten. Zum anderen wird eine Rezeption konstruktivistisch-revolutionärer Formulierungen adaptiert (Ken Isaacs‘ Matrix von 1954), die deren Einfluss auf die moderne Wissensvermittlung, auf Ausstellungsgestaltung, Architektur, bildende Kunst, Werbung und Design verdeutlicht. Diese historischen Referenzen bilden den Hintergrund einer Reihe von Erzählungen zum Thema Common Property, die Fragen der kulturellen und gesellschaftlichen Produktion von Wissen nachgehen und deren Vermittlung diskutieren. Die Inserts adaptieren die historischen Entwürfe als räumlich-installative Folien, vor denen die Aufführung und „Theatralisierung“ von Wissen thematisiert wird, Bildungs- und Repräsentationsdiskurse aufgezeigt und spezifische Momente der selbstermächtigten und kollektiven Aneignung und Nutzung von Wissen beleuchtet werden. Reflektiert wird zudem der Ort der Biennale, der Volkspark in Halle, auf dessen Areal sich Traditionslinien einer Massenbewegung bündeln, die nach dem Fall des Sozialistengesetzes (1890) kollektive Lebensformen entwickelte und in großem Maßstab erprobte.

Die Geschichte des Volksparks lässt sich als Geschichte diverser Auseinandersetzungen um die Aneignung von Eigentum und Wissen beschreiben. Aus kulturhistorischer Perspektive interessant erscheint zudem die Beobachtung, dass die historische Architektur des Volksparks, die nach bürgerlichem Vorbild entstand, von Bühnen- und Aufführungsräumen dominiert wird, die eine klare Trennung zwischen ProtagonistInnen und Publikum vorsahen. Auch in der Nutzung des Gebäudes als Polit- und Kulturarena scheint diese Trennung über die Jahrzehnte und die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse hinweg zu weiten Teilen affirmiert und fortgeschrieben worden zu sein. Gleichzeitig gibt der Ort dieses Volkshauses Anlass, die Wiederaufnahme konstruktivistischer medialer Gestaltungsmittel im Alltag der DDR-Gesellschaft – Wandzeitungen, Transparente, Lenin-Ecken, Traditionskabinette – kritisch zu reflektieren und nach widerständigen Elementen und Potentialen der Tradition von Arbeiterklubs zu fragen.

Das Insert im Erdgeschoss des Volksparks bietet dieser Auseinandersetzung einen Ort. Adaptiert wird Alexander Rodtschenkos Inneneinrichtung eines Arbeiterklubs, die 1925 anlässlich der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes in Paris präsentiert wurde. Im Sinne produktionskünstlerischer Wissensvermittlung wird zur Biennale unter Bezug auf Rodtschenko ein Raum eingerichtet, in dem die Gruppen der Halle School of Common Property ihre Praxis und die Ergebnisse der dem Festival vorausgegangenen Workshops vermitteln.

Die beiden Inserts im großen Saal des Volksparks zitieren Wladimir Tatlins Inszenierung des Metapoems „Sangesi“ (1923 in Petrograd) und den „Raum der Gegenwart“ (1930), der von Laszlo Moholy-Nagy im Auftrag Alexander Dorners für das Provinzialmuseum Hannover entworfen wurde. Sie erzählen von der Aufführung und „Theatralisierung“ von Wissen, von Repräsentations- und Bildungssystemen, didaktischen Modellen und Lernmaschinen. Die historischen Entwürfe werden für die 6. Werkleitz Biennale als Ausstellungssysteme umgenutzt und interpretiert: Konfliktlinien, Rezeptions- und Aneignungsweisen bis hin zu sozialen Kämpfen und deren Unterschieden in sozialistischen und kapitalistischen Gesellschaften werden exemplarisch hervorgehoben. Besonderes Augenmerk gilt spontanen Aufführungen und Aktionen, Momenten der kollektiven AutorInnenschaft, Versuchen der Selbstorganisation und -ermächtigung sowie alternativen und partizipativen Strategien der Produktion und Vermittlung von Wissen, die vielfach in Opposition zu den vorherrschenden Repräsentationssystemen entwickelt wurden. So wird u. a. von der Besetzung der Mailänder Triennale 1968 durch Studierende berichtet und am Beispiel der Stadt Halle die Entstehung und Transformation kollektiver gegenkultureller Praktiken untersucht: als veritable Landnahme, gemeinnütziger Bauprozess, VerbraucherInnenselbstorganisation, alternative Jugendkultur, spontane Gruppenselbsthilfe, politisch-eingreifende Selbstlegitimation und demonstrative Aktion mit Mitteln der Kunst.

Ein viertes Insert, das sich vor dem Volkspark befindet, nimmt Bezug auf eine Zeichnung des US-amerikanischen Architekten und Designers Ken Isaacs, dessen Arbeit als exemplarisch für die US-amerikanische Rezeption der Bauhaus-Moderne gelten kann. Die mit dem Insert formulierte Adaption des Isaacschen Matrix (1954) intendiert – in Abgrenzung zu Isaacs‘ vielfach ungebrochenem Optimismus – die kritische Reflexion der gesellschaftlichen und sozialen Implikationen einer auf dem Prinzip Konstruktion basierenden Moderne, die diverse Formalisierungen, Reformulierungen und Adaptionen erfuhr. Sie produzierte Ausschlüsse und mündete in Sackgassen, versprach aber eben auch Demokratisierung und offerierte wirkungsmächtige Attraktionen, die das Leben bis heute in die kleinsten Winkel durchdringen. Die vor dem Gebäude des Volksparks positionierte Konstruktion nimmt als räumliche Umsetzung der Matrix auf all jene Implikationen und „Folgen“ Bezug; sie stellt die Grammatik der Moderne, deren Wirkungsmacht und nicht zuletzt deren gesellschaftliche Implikationen zur Diskussion und kann durchaus auch als ironische Anspielung auf minimalistische Skulpturen im öffentlichen Raum oder etwa als Kommentar auf die Versprechungen des Internets gelesen werden. K. R.

Die Inserts und ihre Ausformulierung wurden von einer Gruppe von sieben KulturproduzentInnen entwickelt: Simone Hain, Christiane Post, Karin Rebbert, Katja Reichard, Marion von Osten, Peter Spillmann und Axel John Wieder. Die bauliche Umsetzung fand in Zusammenarbeit mit Andrea Börner, Oliver Clemens, Sabine Horlitz und Robert Schnitz-Michels statt.

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