Holiday on Ice

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Holiday on Ice
1989
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura

Vom Foyer aus erreicht man die ehemalige Gaststätte, die heute ebenfalls vollständig ausgeräumt ist und nur an den Wänden noch von vergangenen Tagen erzählt: „Selbstbedienung“ heißt es in nostalgisch stimmender Schreibschrift dort in einer Ecke, wo früher das Buffet gewesen sein muß, die großen Neonröhren erzählen von früherer Geschäftigkeit und die hellen Vierecke davon, daß die mittlerweile abgehängten Bilder wohl jahrzehntelang die darunterliegenden Wandflächen vor dem Vergilben geschützt haben müssen. Und für die alte Bahnhofsuhr steht die Zeit schon lange still.

Hier hängt nun eine riesige Décollage des mittlerweile 81-jährigen Grandseigneur des Nouveau Réalisme, Mimmo Rotella, der bereits in den 60er Jahren mit seinen Plakatabrissen international berühmt wurde. Es handelt sich um ein 3 x 6 Meter großes Plakat, das im Oktober 1989 auf den Straßen von Mailand für das Spektakel „Holiday on Ice“ geworben hatte. Auf Stahlplatten aufgebracht und aus seinem ursprünglichen Kontext entfernt, wird es zum Readymade, und die Spuren seiner Zerstörung werden zu malerischen Gesten. Trotz seiner bildlichen Kraft und Monumentalität erweckt es in der Gaststätte des Bahnhofs fast den Eindruck, als gehöre es wie natürlich dazu, als hätte man beim Ausräumen des Bahnhofs bloß vergessen, es abzuhängen, oder das Entfernen dieses Plakates wegen seiner Sperrigkeit nur einstweilen verschoben. Aber in der DDR gab es 1989 keine Großplakate – es sei denn zu staatlichen Propagandazwecken. „Holiday on Ice“ erzählt als Found Object von einer Zeit, die hier nie stattgefunden hat, oder – wenn man so will – auch von einer Jahreszahl, mit der sich in der implodierten DDR die große Rutschpartie ankündigte.

Mimmo Rotella (I), Holiday on Ice, Bahnhof Calbe Ost, ehemalige Gaststätte, Décollage auf Stahlplatten, 4 Segmente, 300 x 600 cm, 1989

 

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