heroic [work] - Der Neue Mensch

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Filmprogramm
heroic [work] - Der Neue Mensch
7. 7. 2000
D 2000

Die Glasarchitektur bringt die europäische Geistesrevolution, sie macht aus einem beschränkten, eitlen Gewohnheitstier einen wachen, hellen, feinen und zarten Menschen. (Hermann Finsterlin)

Die Idee des Neuen Menschen war für die gesamte Moderne bestimmend; in der Hoffnung, dass er in der Lage wäre, sich grundlegend zu wandeln, wenn man die Bedingungen seines Lebens entsprechend ändere. Am radikalsten wurde dieses Projekt in der Sowjetunion umgesetzt, sie galt als Modellfall, der, so erfolgreich, für alle anderen Länder Vorbild sein sollte. Zentrales Moment in dieser gewaltigen Umgestaltung war, den Marxschen Theorien folgend, die Arbeit. Heraus kam schliesslich jedoch nicht der Neue Mensch, sondern seine Karikatur, der Homo Sovieticus.

Der Traktor war das vielleicht wichtigste Fortschrittssymbol in der sowjetischen Filmpropaganda; er sollte mit seiner technischen Kraft das agraische Zarenland ins 20. Jahrhundert ziehen; er garantierte die Besiegung der schrecklichen Hungersnöte. Traktora“ unterlegt gefundenes Propagandamaterial mit einer fiktiven Off-Stimme, die sich zu einer orgiastischen Hymne auf die fetischisierte Maschine steigert; das rationalistisch-technokratische Menschenbild wird auf seine Triebstruktur zurückverwiesen.

Vladimir Tyulkins Film „Lord of the Flies“ steht in der literarischen Tradition Jules Vernes Erzählung „Zwei Jahre Ferien“, in der er Schüler beschreibt, die nach einem Schiffsunglück eine vernunftbasierte, ideale Gesellschaft errichten. William Goldings Erzählung „Lord of the Flies“ von 1954 nimmt das Motiv der gestrandeten Kinder auf, entwirft aber, sehr viel realistischer, den Aufbau einer Gewaltherrschaft im Miniaturformat.

Die Figur des Fliegenvernichters in Tyulkins Film hat viele Aspekte, als postkommunistische Variante des Hippie-Aussteigers steht er für den improvisierten Gartenbau auf der Datscha, mit der viele Sowjetbürger nach der Perestroika ihr Überleben auf primitivem Niveau sicherten. Er pendelt zwischen dem Zerrbild des neuen Unternehmertums - immerhin hat er in seinem Hof einen eigenen Wirtschaftskreislauf geschaffen - und der Inkarnation der letzten Stalinisten, die die Erde noch immer von ihren Feinden säubern wollen. Die Fliegen wiederum haben eine lange Tradition in der sowjetischen Ikonographie: Ihre Maden im Kantinenfleisch sind der Auslöser der Revolution im Panzerkreuzer Potemkin, stellvertretend für das verfaulte Zarensystem, eine Metapher die später ebenso für das nicht minder heruntergekommene Sowjetsystem stand, wie in den Arbeiten Ilya Kabakovs. Gleichzeitig galten Fliegen schon immer auf Grund ihres massenhaften Auftretens und ihrer kurzen Lebensdauer als wertloses Leben, was in der Vernichtungsabsicht auf den GULAG verweist, aber auch auf ihre ideale Disposition als wissenschaftliches Versuchsmaterial, so wie die sowjetischen Menschen im sozialistischen Experiment. Eine besondere Aktualität bekommt der Film daher nicht nur durch den Tschetschenienkrieg mit seiner unverhohlenen Säuberungsterminologie, sondern auch in der Gentechnologie, die zunächst mit Fliegen begann (Craig Venter wird seit seiner Entschlüsselung eines Taufliegen-Genoms ebenfalls als „Herr der Fliegen“ bezeichnet) und sich nun im Menschen fortsetzt. Und tatsächlich feiert mit der Gentechnologie auch wieder die Vorstellung eines Neuen Menschen Auferstehung.

Hermann Finsterlin, 1920 (Korrespondenz der Gläsernen Kette)

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