Halle alle

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen Angst in Form – Kunst im öffentlichen Raum
Halle alle
12. 10. bis 17. 10. 2010
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK

Die Arbeit Halle alle findet wie geplant am Marktplatz statt, allerdings ertönt der Gesang nicht vom Roten Turm, sondern von den umliegenden Dächern. Gesungen werden nicht Statistiken sondern das Wortpaar „Halle alle“ (gesungen von Sabine Hill und Mehmet Yilmaz).

Die Gesangszeiten sind täglich wie folgt: 07:36 - 12:58 - 15:45 - 18:19 - 19:51

Der höchste Punkt im Ort ist meist ein sakraler Bau, der den Mittelpunkt einer Gemeinschaft markiert: eine Kirche oder ein Gipfel des Kommerz. Wobei das eine das andere nicht zwingend ausschließt. Im mitteldeutschen Halle ist es ein Glockenturm, der Rote Turm, der mehr als 500 Jahre nach seiner Entstehung als der höchste freistehende Glockenturm Deutschlands gilt. Mit seinen 76 Glocken verfügt er gar über das zweitgrößte Carillon der Welt. Ein mächtiger Zeigefinger Gottes, der als Instrument Menschen über die Tageszeit oder besondere Umstände informiert, sie anlockt und im besten Fall unterhält. Im Rahmen des Werkleitz Festivals 2010 Angst hat große Augen startet KUNSTrePUBLIK einen riskanten Versuch, der vielerlei Ängste auslösen kann und wohl auch wird.

Islamophobie, Arbeitslosigkeit, Kontrollverlust oder schlicht das Unbekannte bilden den Boden für Zweifel und Furcht bis hin zu Wut und Aggression. Der Glaube mag da weiterhelfen. Doch ausgerechnet da, wo Glauben herrscht, herrscht oft genug Angst. Um das zu wissen, muss man nicht in einen Heiligen Krieg ziehen. Die Grenze zwischen Unwohlsein und Angst ist schleichend und jedeR überschreitet sie irgendwann einmal.

Noch ist offen, was passiert, wenn KUNSTrePUBLIK im Zentrum Halles nicht die berühmten Glocken erklingen lässt, sondern ein Muezzin fünfmal täglich statistische Daten zu den gegebenen Zeiten vorbetet und so den ökonomischen und kulturellen Beitrag von BürgerInnen mit migrantischem Hintergrund vermittelt. Statistikgläubige mögen die Fakten mit religiöser Inbrunst als absolute Wahrheit verstehen. Dabei sind auch hier Zweifel angebracht. Erleichternd kommt hinzu, dass statt dem Adhan, dem „Allahu akbar/Gott ist größer“, das dem islamischen Gebetsruf üblicherweise vorangestellt ist, der surenartig gesungene Name der Stadt Halle alle eine humorvolle Brücke zu den BewohnerInnen und BesucherInnen Halles schlägt. Der Muezzin, der übrigens zum weltlichen Personal einer islamischen Gemeinschaft gehört, wird im christlichen Gemäuer zum Sinnbild des Mittlers zwischen geistlichen und ökonomischen Werten und Welten, was zum Angstverlust beitragen sollte. 

Inshallah/So Gott will!

Doch ob es überhaupt so weit kommt, ist nicht gesichert. Denn bei Projektstart im Sommer 2010 weiß noch niemand, was geschehen wird, ob der Muezzin jemals den Turm besteigen wird, wie die Menschen reagieren. Es sieht allerdings vielversprechend aus… — glaubt man den Statistiken. 85 % der BürgerInnen der ehemaligen Hansestadt gehören keiner Religion an, was Halle den ersten Platz unter den deutschen Großstädten mit den meisten konfessionslosen Einwohnern einbringt. Darüber hinaus zählt die Stadt an der Saale zu den Großstädten mit den wenigsten Muslimen. Empirisch gesehen dürfte unter diesen Umständen der Widerstand gegenüber dem Experiment um Glaube, Wissen und Angst also nicht allzu stark ausfallen. Rational gesehen gibt es ja nichts zu befürchten.

Bemerkenswert ist in diesen Zusammenhängen die visuelle Repräsentation des Ortes: das Stadtwappen mit dem vermeintlichen Halbmond und irreführenden Sternen, das stark an ein islamisches Symbol erinnert. Tatsächlich handelt es sich, dem Reichtum an Salz in dieser Gegend entsprechend, um eine Salzpfanne und zwei etwas missverständlich stilisierte Salzkristalle. Gesichert ist diese Ableitung allerdings nicht. Die Farben Rot und Silber lassen sich dagegen gesichert auf das Erzstift Magdeburg und die Hanse zurückführen. Und da — wie bereits angeführt — Ökumene und Ökonomie nicht auseinander zu dividieren sind, bleibt die Schlussfolgerung, dass die Kirche ihre moralischen Werte im 21. Jahrhundert nicht von der Kanzel vermittelt, sondern als zweitgrößte Arbeitgeberin der Republik über den Umgang mit ihren etwa 1,3 Millionen Beschäftigten. Frei nach dem Motto: „Gott lässt sich nicht bestreiken“, gelten hier ganz besondere Regeln.

Bei KUNSTrePUBLIK verweist das typographische Spiel mit dem Namen bereits auf ein Interesse an der Öffentlichkeit und somit auf besondere Regeln bei der Kunstproduktion hin. Seit der Gründung von KUNSTrePUBLIK, durch die Künstler Matthias Einhoff, Philip Horst, Markus Lohmann, Harry Sachs und Daniel Seiple im Jahr 2006 und besonders seit der Installation des Skulpturenpark Berlin_Zentrum, finden die Bürger einen besonderen Platz in den künstlerischen Projekten. Auch zu Beginn des Jahres 2010 bei der Metropolenoper Land’s End, die auf einem frisch erschlossenen Bauareal aufgeführt wurde, auf dem ein Edelquartier entstehen soll. Statt Liebende und enttäuschte Narren, rangen Investoren, Stadtplaner, Bürger und Aktivistin musikalisch um Rechte und Interessen und setzten zwischen ausgebrannten Limousinen Flächenkonzepte in Szene. Die eigentlichen ProtagonistInnen fanden sich auf den Logenplätzen: die AnwohnerInnen auf ihren Balkonen. In Halle werden sie vor allem bodenständig den Worten, die sich vom Roten Turm auf sie herabsenken, lauschen. Wie sie darauf reagieren? Es bleibt spannend.

(Text: Meike Jansen)

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