Gospels

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werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Gospels
SE 2006

In Erik Büngers neuester Videoarbeit Gospels (2006), eigens für die Biennale produziert, wird man von einer wahrlichen Lobpreisung und Anbetung überrascht. Wir begegnen Männern und Frauen, die – einzeln und nacheinander – einen Kanon der Verehrung für eine imaginäre Person anstimmen. Ihre Berichte ähneln sich in der Art, wie sie über SEINE Großzügigkeit, SEINEN Charakter und SEINE Weisheit sprechen. Ihre gesamte Aufmerksamkeit und Lobrede auf IHN präsentiert sich dabei ohne einen anschaulichen Kontext, der helfen würde zu verstehen. Ihre Berichte lösen einen vielstimmigen Gospelgesang voller Emotionalität und Dankbarkeit aus, dem eine allen gemeinsame Erfahrung zugrunde liegt.
Die Befragten sind keine Unbekannten, sondern Menschen, die wir verehren, preisen und lobreden: Schauspieler aus Hollywood-Produktionen wie Meryl Streep, Dustin Hoffman oder Drew Barrymore, um nur einige zu nennen. Sie sind es, die wir als Idole eines besseren Lebens betrachten, ihre Filmfiguren stehen für die erfolgreiche Bewältigung von Problemen und Katastrophen im Leben und färben auf die Darsteller ab. Sie sind unsere Vorbilder, HeldInnen und Schönheitsköniginnen. Als Produkt einer Glamor&Glory-Industrie sind sie anbetungswürdige Geschöpfe, denen wir die Worte von den Lippen lecken möchten. Und dabei geht es selten um das, WAS sie sagen.
Die Verabschiedung des eigenen Ichs in der Anbetung von Oberflächen der Medienwelt veranlasste den schwedischen Künstler Erik Bünger aus unzähligen Making-of-Interviews, die man als Bonusmaterial auf Film-DVDs vorfindet, eine Montage der gegenstandslosen Verehrung zu sampeln. Personenkult um Stars aus Musik, Film und Populärkultur sind Alltag: Medial inszenierte Heilsbringer einer modernen Welt. Die Einflechtung sakraler Symbole in Film- und Fernsehunterhaltung und die Übernahme von religiöser Sprache stellen den Kontext medialer Inszenierungspraktiken dar, welcher die Symbiose von Religionskultur und weltlicher Überzeugungsarbeit sowie die Frage nach der Religiosität in ein neues Licht setzen: Was ist Religion? Wer und was erfüllt religiöse Bedürfnisse? Wodurch wird Lebenssinn vermittelt?
„Film has never stood in a sacred context.“ schreibt Boris Groys. Seine Absage an die Heiligkeit des Mediums Film basiert auf dessen zu später Erfindung; unsere Kultur habe ihre Potenziale für die Sakralisation bereits an Ausdrucksformen der Malerei, Bildhauerei und Architektur, an Theater und Oper vergeben. 3 Trotz der offensichtlich profanen Natur der kommerziellen, medialen Bildkultur haben Film- und Fernsehunterhaltung quasi-religiöse Funktionen erlangt 4: mit ihren Narrationen über Leben, Liebe und Tod werden sie zu Vorbildern für die eigene Lebensgestaltung und Sinndeutung – und mit ihnen ihre Protagonisten.

Erik Bünger, SE 2006, Video, 22 min
Courtesy the artist

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