Girl Meets Boys - Schneewittchen und die sieben Zwerge

Root Event

5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Girl Meets Boys - Schneewittchen und die sieben Zwerge
1. 8. 2002
DE 2002

„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Das ist die Frage der sieben Zwerge, als sie in ihr Häuschen zurückkommen und feststellen, dass alles ganz anders ist als sonst. Aber was ist passiert? Was für eine Ordnung ist das, die durch etwas Unerwartetes die Zwerge in Angst versetzt?

Im Vorspann zu Walt Disneys Verfilmung von Schneewittchen werden Eltern dazu aufgefordert, den Film am besten zusammen mit ihren Kindern anzuschauen – schließlich würden „wichtige moralische Werte vermittelt“. Das ist nichts Neues, vielmehr wohl die generelle Aufgabe von Märchen überhaupt. Aber um was für eine Moral es geht, ist schon bei Walt Disney nicht mehr lar: Das Zwergenhaus ist gar nicht aufgeräumt, kein gedeckter Tisch und keine gemachten Bettchen warten auf die Bewohner, alles ist völlig verstaubt und durcheinander. Noch bevor die Zwerge eintreffen, räumt Schneewittchen das Haus auf, weil sie glaubt, dort lebten Kinder, die wohl keine Mutter mehr hätten. Und die Zwerge sind voller Angst, als sie die plötzliche Ordnung in ihrem Haus bemerken und fragen: „Wer hat mein Becherchen geputzt?“ Ihr Erstaunen wird noch größer, als sie feststellen, dass es sich nicht um ein Ungeheuer, sondern um „eine Frau“ handelt. Schneewittchen wiederum, kaum erwacht, zieht sich die Decke vor die keineswegs unbekleidete Brust und ruft aus: „Ihr seid ja gar keine Kinder, ihr seid Männer!

In diesem Moment des Aufeinandertreffens kommt es zu einer Codierung von Geschlechterverhältnis- sen, und Walt Disney ist keineswegs der einzige, der die Gelegenheit dazu nutzt, seine eigene, ganz bestimmte Auffassung von diesbezüglicher Moral zu erzählen: In einem polnischen Bilderbuch erhält Królewna Sniezga auf ihre Frage, ob sie bei den Zwergen bleiben könne, als Antwort eine Art Hausarbeits-Vertrag: „Ja, wenn du bei uns aufräumst.“ Und in einer türkischen Version wird Pamuk Prences von den Zwergen darum gebeten, für sie zu sorgen – was bedeutet, dass zusätzlich zur Hausarbeit auch Bereitschaft zur Geselligkeit erwünscht  wird.

In weiteren Varianten muss sie mal zum Kindermädchen werden oder sich beschützen lassen, manchmal reicht allein ihre kindliche Unschuld, manchmal ihre bloße Schönheit als „Gegenleistung“ dafür aus, dass sie im Zwergenhaus bleiben darf. Obwohl alle Welt „Schneewittchen“ und die wichtigsten Bestandteile der Geschichte kennt – vom „Spieglein, Spieglein an der Wand“, der bösen Königin, dem Glassarg bis zum unvermeidlichen Prinzen - befindet sich also eine Faltung in der Geschichte, die für verschiedene Erzählweisen offen bleibt, aber immer der Vermittlung von Geschlechterkonstruktionen zur Verfügung steht.

Es geht nicht darum, eine neue Interpretation des Märchens zu liefern. Das im Rahmen der Werkleitz-Biennale aufgeführte Projekt wird sich vielmehr den anderen Erzählweisen anschließen und den Moment mit Eigensinn versehen, indem Schneewittchen auf die sieben Zwerge trifft. In diesem Moment entsteht etwas allgegenwärtig Bekanntes und doch kaum Gesehenes: Geschlecht wird gemacht. Aus dem „ES“-Schneewittchen wird eine „SIE“, und die geschlechtsindifferenten Zwerge werden plötzlich zu Jungen bzw. Männern. Als solche angesprochen, entfalten auch die Zwerge in diesem Moment alles, was patriarchale Gesellschaften für männliche Wesen an Verhaltensweisen bereithalten: Sie wollen beschützen, sie wollen verbieten, sie wollen ihren Spaß, sie wollen auch Zärtlichkeit, Erotik und Sex und sie wollen umsorgt werden, während sie ihrer Arbeit in den Bergen weiter nachgehen.

Gleichzeitig müssen sie sich in ihren Selbstbildern von Ritterlichkeit, Arbeitsamkeit, wechselseitiger Fürsorge und erotischer Aufladung immer mit der Ideal-Männlichkeit schlechthin, dem Prinzen, messen lassen und entwickeln untereinander ein völliges Wirrwarr an sowohl homoerotischen als auch homophoben Beziehungsmustern. Zum einen kann so das „doing gender“, die Herstellung von Geschlechterrollen in der Praxis sozialer Beziehungen beobachtet werden: Was passiert, wenn „girl meets boys“?

Weiterhin kann der These des „doing sex“, der Herstellung von „Geschlecht“ bzw. der Konstitution der zwei Gruppen von „Mann“ und „Frau“ im Moment ihres Kontaktes nachgegangen werden: Wie passiert es, wenn „girl-meeting creates boys“ (und umgekehrt)?

Der Rest des Märchens von Hass, Leidenschaft, Duldsamkeit und Liebe bleibt am Rande, ist aber natürlich nicht wegzudenken. Dazu ist die Geschichte zu bekannt, sie schwingt in jedem Ausschnitt mit wie der Film in unserem Kopf beim Betrachten eines Film-stills. Dennoch wird das Projekt sich nicht nur dem Phänomen der „Geschlechter-Grenze“ widmen, sondern sich anhand weiterer filmischer Bearbeitungen des Schneewittchen-Themas mit möglichen Handlungsoptionen beschäftigen: Soll sie lieber einen Zwerg heiraten und den langweiligen Prinzen verschmähen (Snow White mit Sigourney Weaver)? Soll sie mit dem Prinzen eine „Schule für Diener“ gründen, in der Menschen zu Zwergen gemacht werden (Institut Benjamenta nach Robert Walser)? Soll sie sich der Wahl zwischen Gift oder Mitgift entziehen durch den freiwilligen Gang in den Glassarg (Madonna in Evita)?

Und die Zwerge: Sollen sie die Rebellion wagen (Spur der Steine)? Sollen sie aus ihrem Beschützer-Dasein einen Beruf machen (Die glorreichen Sieben)? Oder ist der einzige Ausweg aus patriarchalen Gemeinschaften von „Männer- und Frauen“ der gemeinsame Zwergen-Aufstand (Auch Zwerge haben mal klein angefangen von Werner Herzog)?

Text von

Sebastian Schädler

Performativer Vortrag von Sebastian Schädler (D), 2002.

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