gender [work] - Zur Technologie des Geschlechts

Root Event

4. Werkleitz Biennale real[work]

Parent Event

Filmprogramm
gender [work] - Zur Technologie des Geschlechts
6. 7. 2000
D 2000

Die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen erscheint ungebrochen gültig im Prospekt der globalisierten Arbeitswelt: Ob es um die Chancen auf Anstellung in Führungsebenen, die Festsetzung des Einkommens oder um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, Frauen ziehen nach wie vor den Kürzeren im Wettbewerbsrahmen grenzenloser Ökonomie. Inwieweit nun der Trend zur immateriellen Arbeit auf die soziale und historische Konstitution der Rolle der Frau durchschlägt, bleibt äusserst fraglich. Denn während inmitten der Transformation zur High-Tech-Informationsgesellschaft die (männliche) Arbeitskraft als Ware verlorengeht, wird an ihrem unteren Ende - seien es die Maquiladoras in den Chip-Fabriken an der mexikanischen Grenze zu den USA oder MigrantInnen ohne Papiere, die in deutschen Haushalten für Hungerlöhne putzen - der Warencharakter der weiblichen Körper und Identitäten umso deutlicher und todbringender festgeschrieben.

Die folgende Auswahl an Filmen und Videos reflektiert die Bezüge zwischen konkreten Arbeitsbedingungen für Frauen, der ständigen Re-Konstruktion von Geschlechterunterschieden, der (post)feministischen Kritik an sowie künstlerischen Aktionen gegen die Naturalisierung von Repräsentationsmustern.

Lana Lin’s „I Begin To Know You“ formuliert einen Bilderkanon der tradierten Rolle der Frau als hauswirtschaftliche Produzentin und Dienstleisterin. Unter der scheinbaren Fixierung des weiblichen (Arbeits)platzes in der Welt lauert hier jedoch eine konspirative Widerständigkeit der Betroffenen. Der terroristische Akt lässt nicht lange auf sich warten - zumindest in diesem Programm.

In „Semiotics of the Kitchen“ verkehrt Martha Rosler, eine der wichtigsten Protagonistinnen feministischer Videokunst in den siebziger Jahren, die vertrauten Konnotationen von Küchengegenständen zu einer Grammatik aus Aggression und Wut. Die Küche wird zum Kriegsschauplatz gegen die Mythen des häuslichen Alltagslebens.

Frances Scholz rekonstruiert in „Wir kennen uns übrigens“ die Geschichte der beruflichen Utopie einer Unternehmerin, entworfen im politisch-emanzipatorischen Bewusstsein der späten sechziger Jahre. Das Spiel der performativen Aneignung filmhistorischer Bezüge zeigt die Suche nach der eigenen künstlerischen Identität: „Angesichts der unmenschlichen Situation bleibt dem Künstler nur übrig, den Schwierigkeitsgrad seiner Künste zu erhöhen.“ (Kluge)

Zurück auf die Fussböden der Tatsachen führt der A-clip Beitrag „Respeto y Justicia!“. Darin kommen Frauen zu Wort, die in der häuslichen Mitte der bürgerlichen Ordnung schuften - unsichtbar und ohne Rechte. Das Ausbleiben der Bezahlung wird dann mit der Drohung erpresst, dass sonst eine Anzeige wegen illegalen Aufenthalts in Deutschland erfolge. Als zweiminütige Inserts für die Werberollen kommerzieller Kinos produziert, greifen die A-clips ohne Umwege in die schneidigen Bildwelten westlicher Prosperität.

Der Wirklichkeit der Ausbeutung, Sexualisierung und seriellen Ermordung von Frauen im mexikanischen Grenzort Ciudad Juarez begegnet Ursula Biemann’s Videoessay „Performing the Border“ mit einem vielschichtigen Diskurs zur exemplarischen Bedeutung dieses Ortes. Die Metapher der Grenze als offene Wunde verweist auf die Markierung von Körpern, „die im endlosen Takt der neuen internationalen Arbeitsteilung aufgerissen und geschlossen, konsumiert, reproduziert und als weiblich fixiert werden.“ (Volkart)

Kluge, Alexander: Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos. Deutschland 1968
Volkart, Yvonne: Kriegszonen: Körper, Identitäten und Weiblichkeit in der High-Tech Industrie.
springerin Band 5 Heft 2 1999, S. 42

Text von

Florian Wüst

Explore