Gemeinsam in die Zukunft

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Gemeinsam in die Zukunft
D 1989
Foto von Holger Kube Ventura

Auf dem etwa vier Kilometer langen Weg vom Bahnhof Calbe Ost nach Tornitz führt die Straße an den endlosen Feldern der früheren LPG´s vorbei. Schon von weitem ist ein großdimensioniertes Baugerüst zu sehen, das Carsten Höller an der Abzweigung nach Tornitz wie einen skulpturalen Fremdkörper auf weiter Flur hat aufstellen lassen. Über die gesamte Breite von 23 Metern ist dort auf fünf Metern Höhe ein banderolenartiges Transparent aufgehängt, das vollmundig „Gemeinsam in die Zukunft“ verkündet. Worauf bezieht sich dieser Appell? Er zitiert nicht nur frühere sozialistische Propagandatafeln, sondern auch die deutsche Wahlkampfhysterie vor dem Stichtag für den künftigen Bundestag am 27. September: Schließlich sind auch die Dörfer zur Zeit der Biennale schon voller Wahlplakate. Eigentlich aber bietet sich das Transparent – ganz im Stil der Benetton-Kampagnen – für jedwede, beliebige Projektion an: Man könnte es auf die DVU genauso beziehen wie auf einen fiktiven Aufbau-Ost-Bauherren einer auf freiem Feld zu errichtenden Fabrik. Man könnte es auf die Allianz zwischen der verschlafen wirkenden Gemeinde Tornitz und dem auf Innovationen setzenden „Zentrum für künstlerische Bildmedien“ projizieren oder sogar gleich als Motto seiner diesjährigen Werkleitz Biennale verstehen. Vielleicht ist es gerade die Fülle von Bezugsmöglichkeiten, die diesen Slogan – eine typische Floskel von Politikern – so entleert und somit in starkem Kontrast zu seiner monumentalen Inszenierung stellt. Auf dem begehbaren Gerüst sind in vier Metern Höhe Biergarten-Bänke angebracht, die dazu einladen, den Blick gemeinsam in die Ferne schweifen zu lassen.Höllers Biennale Beitrag ist eine Re-Inszenierung: Als der gleiche Schriftzug 1989 zur Hamburger Ausstellung „D & S“ (Differenz & Simulation) präsentiert wurde, schien die Konnotation eindeutiger, denn „Gemeinsam in die Zukunft“ war damals die gängige Parole in der Zusammenwachs-Euphorie des deutsch-deutschen Grenzfalls. Fast zehn Jahre später ist wohl eher Resignation an deren Stelle getreten, zumindest aus der Sicht vieler neuer Bundesbürger. Das Original-Transparent von 1989 ist mittlerweile verlorengegangen, auf dem Feld vor Tornitz steht ein für die 3. Werkleitz Biennale angefertigtes Remake – als einsame Mahnung, böser Witz oder leere Hülle.

Das gesamte Catering der 3. Werkleitz Biennale wurde von den Veranstaltern in den Innenhof des Kultur- und Heimatvereins verlegt, wodurch dort – direkt neben dem Schweinestall – ein wichtiger Besuchertreffpunkt entstanden ist. Den Zucker, der hier (sowie in der Gaststätte „Zur Post“ und in vielen der umliegenden Pensionen) zum Süßen von Kaffee und Tee gebraucht wird, hat Carsten Höller geliefert: Am Tresen liegen Zuckerstückchen bereit, deren Verpackung nicht, wie sonst üblich, als Werbefläche für den Hersteller genutzt wurde, es sei denn, das stattdessen dort aufgedruckte Wort „Zukunft“ würde eine Firma benennen. Daß in diesen kleinen Päckchen „Zukunft“ drin wäre, daß man „Zukunft“ lutschen, ein ganzes Glas voller „Zukunft“ auf dem Kaffeetisch haben, die „Zukunft“ in der Hand halten und dann auswickeln könne etc. – eine Vielfalt an Konnotationen wird durch diese versteckte Intervention ausgelöst. Im Gegensatz zu dem monumentalen Transparent außerhalb von Tornitz – zu dem sich die Zuckerstückchen wie ein Echo oder eine dezente Erinnerung verhalten – wird mit dieser Arbeit von Höller aber weniger ein Appell ausgesprochen (der Slogan wird nicht wiederholt), als vielmehr eine Art Zustand suggeriert: „Zukunft“ ist das Mittel, das einem das Leben versüßt.

 

Carsten Höller (D), Gemeinsam in die Zukunft, 1989

Landstraße Calbe-Barby, Abzweig Tornitz, freies Feld, 1989, Rekonstruktion zur Biennale, bedruckte Stoffplane, 1,10 x 23 m, Baugerüst, 5 x 23 m, Biergartenbänke

Kultur- und Heimatverein, Würfelzucker, 1989, ca. 2.000 Stück, bedruckte Verpackung

 

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