Geld und Leben & Das AB & ZU Tor

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Geld und Leben & Das AB & ZU Tor
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura

Der zweite Raum, den man vom Foyer aus erreicht, ist der sogenannte Billardsaal. Er ist in gutem Zustand: Durch die Holzverschalungen und die imposante Holzdecke sowie durch die blaue, feingemaserte Tapete hat er eine richtiggehend festliche Atmosphäre. Moneten, Kies, Kohle, Asche, Knete, Kröten, Schotter, Mammon, Mäuse, Piepen, Pinke, Bares, Taler, Zaster und weitere wichtige Worte des Lebens wie etwa und, oder, vor allem, wie denn, erst recht hat Rupprecht Matthies aus Plexiglas und Holz ausgesägt und im Billardsaal zu einem knallbunten Ensemble möglicher Zusammenhänge mit Nylonschnüren unter die Decke gehängt und an den Wänden angebracht. Haben sich die damals in diesem Raum gesprochenen Wörter hier materialisiert? Jedes einzelne Wort stellt ganz unmittelbar nicht nur eine Beziehung zu seiner umgebenden Stelle her – am Fenster z. B. fliegt ein transparentes locker und über eine Holzkante krabbelt ein dunkelrotes usw. – es ergeben sich auch zahlreiche Begriffsassoziationen, die irgendwie immer falsch und immer richtig sind. Man freut sich sofort über die eigenen Ideen und die Aufforderung zum Miterfinden, die sich durch eine Wortreihe wie Kies, Kohle, Knete etc. semantisch ergibt, gleichzeitig besteht jedes einzelne Wortobjekt auf seiner materiellen Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit. Im Gegensatz zu den Protonymen von Adib Fricke, der in aufwendigen Recherchen immer erst überprüft, ob seine Wortfindungen auch ganz bestimmt in keiner Sprache eine Bedeutung haben, bevor er ihnen eine äußerst normative Gestalt verleiht, verwendet Matthies alltägliche, immer wiederkehrende Worte, die durch die individuelle Formgebung (Material, Größe, Farbe, Glanz und besonders die „Handschrift“ beim Aussägen) aber zu preziösen Unikaten werden. Ob im Raum installiert oder auch nur in der Hand gehalten: Plötzlich bekommt jedes Wort fast so etwas wie eine Persönlichkeit.

Neben dem Haupteingang zum Jugendclub Werkleitz befindet sich die Freiwillige Feuerwehr, und dort war bis vor kurzem eines jener verrosteten, alten Tore angebracht, wie man sie an vielen Häusern der Gemeinde Tornitz entdecken kann. Zur 3. Werkleitz Biennale prangt an dieser Stelle nun das vielfarbige, nagelneue „AB & ZU Tor“, das Rupprecht Matthies als seinen zweiten Ausstellungsbeitrag gemeinsam mit Arbeitern der Schmiede Firma Henschel konstruiert hat. Eingefaßt in strahlenförmige Metallstreben, verkündet der rechte Flügel ein frohes „JETZT IST GUT“, was sowohl Feierabendstimmung verbreitet, als auch eine unbestimmte Gegenwärtigkeit propagiert: So gesehen, ist es eine herzliche Entgegnung auf Höllers monumentales „Gemeinsam in die Zukunft“. Der linke Flügel dagegen changiert mit „AB & ZU“ zwischen einerseits abwägender Nachdenklichkeit und andererseits klaren funktionalen Bezügen auf das Öffnen und Schließen des Tores. Als Schenkung sowohl des Künstlers als auch der Firma Henschel verbleibt das 2 x 3 Meter große Tor über die vier Tage der Biennale hinaus im Ort.

Rupprecht Matthies (D), Geld und Leben, ca. 100 Wort-Objekte, farbiges Acrylglas, Polyäthylen und PVC
Rupprecht Matthies (D), Das AB & ZU Tor, geschmiedetes Stahltor, bemalt, 298 x 200 cm

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