Für ein Leben nach dem Tod

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werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Für ein Leben nach dem Tod
DK 2006

Omnipräsenz und (Un-) Sterblichkeit
Der im letzten Jahr verstorbene Papst Johannes Paul II. wurde bekannt als der erste Medienpapst; er nutzte die öffentliche Bühne der Medien so bewusst, um die Botschaften der katholischen Kirche zu vermitteln, dass er selbst zu einer Ikone der Medienwelt wurde. Seine Omnipräsenz in der Öffentlichkeit erzeugte eine Gleichzeitigkeit des emphatischen Erlebens für alle Gläubigen.

Das Künstlerduo Korpys/Löffler hat in seiner neuesten Arbeit Für ein Leben nach dem Tod (2006) den Pontifex bei seinen öffentlichen Auftritten in Rom in seinem letzten Lebensjahr mit der Kamera begleitet. Während ihres Aufenthaltes in der Villa Massimo haben sie sich als Journalisten akkreditieren lassen, um die offiziellen Termine der römisch-katholischen Kirche auf den für Berichterstatter reservierten Plätzen zu verfolgen. Zwischen CNN, BBC und France2 drehten die Künstler das Material für ihren 75 minütigen Film.
Die filmische Arbeit, formal eine Dokumentation, ist eine vollendete Komposition aus Bild, Ton, Dramaturgie und Montage, die wegen (oder trotz) ihres repetitiven Rhythmus’ eine visuelle Faszination entwickelt. Die religionskulturellen Inszenierungen verfolgend, waren Andrée Korpys und Markus Löffler bei Messen, Audienzen und Segenssprechungen anwesend, in denen sich nicht nur die opulent ausgestatteten Choreografien um das als Leidender in der Nachfolge Christis auftretende Oberhaupt der katholischen Kirche beobachten ließen, sondern auch die Nebenakteure der Show: Journalisten, Bodyguards und Polizisten. Immer wieder rücken dunkle Anzüge ins Bild, ausgestattet mit Kameras und Handys, Rädchen im System eines Medienevents, gesteuert durch den Vatikan. Alle Beteiligten – ob Kardinäle beim Zupfen der Tischdecke, Medienprofis beim atemlosen Rapportieren oder die stoisch anwesenden Sicherheitskräfte – sind vereint in der Erzeugung eines nie endenden katholischen Bilderreigens, der über Fernsehbildschirme die Heiligkeit der päpstlichen Lichtgestalt millionenfach in die Häuser und Hütten aus‚strahlt’. Die Künstler richten ihren Fokus auf den medialen Missionierungsapparat, auf die Strukturen der Repräsentation von Macht und Autorität, auf Praktiken der Vermarktung und Eventisierung. Dabei wird die Intimität des Leidens, die sich als Erlebnishorizont massenmedial vermittelt, in ihrer vermeintlichen Unmittelbarkeit aufgebrochen.
Was bleibt, ist unser Wissen um das Ende als globales Medienereignis: „Er [Johannes Paul II.] hatte verstanden, dass nicht nur die Medien Bilder brauchten, sondern die Menschen … emotionale Bedürfnisse haben. Die medial gebotene Geschichte gipfelt schließlich in der Darstellung des Leidens und Todes eines nahbaren Papstes. … Beim Tod des Papstes offenbarte die ,Währung Emotion‘ schließlich ihre Kaufkraft … der kollektive Gefühlsaustausch vor und hinter der Kamera“.1 Selbst nach seinem Tod blieb Karol Wojtyla ein Medienstar, als er im virtuellen Beisein von Millionen auf der ganzen Welt im Pontifikalgewand über den Petersplatz getragen wurde. Er hatte den Massenmedien die vatikanischen Pforten geöffnet, dann öffneten sie ihm die Pforten in die Unsterblichkeit: Für ein Leben nach dem Tod.

(Anke Hoffmann: Glaubenssysteme zwischen Medien, Markt und Menschen)

Korpys/Loeffler, DK 2006, Video, 60 min
Courtesy Meyer Riegger Galerie

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