Exkursion: Franckesche Stiftungen Wissensproduktion und Archivierung

Root Event

6. Werkleitz Biennale Common Property / Allgemeingut
Exkursion: Franckesche Stiftungen Wissensproduktion und Archivierung
2. 9. 2004

anwesend:

Matthew Buckingham (RespondentIn), Matthew Buckingham (KünstlerIn)
,
Britta Klosterberg (RespondentIn), Britta Klosterberg (WissenschaftlerIn)
,
Anke Mies (RespondentIn)

Die Franckeschen Stiftungen gehen zurück auf das soziale und missionarische Werk August Hermann Franckes, Hauptvertreter des Halleschen Pietismus. Ende des 17. Jahrhunderts begann Francke eine Kunst- und Naturalienkammer (sogenannte Wunderkammer) aufzubauen. Sie nahm eine zentrale Funktion im dreistufigen Unterricht der Kinder des Waisenhauses der Stiftung ein und wurde bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich erweitert. Das vorerst nach spirituellen und phänomenologischen Gesichtspunkten gestaltete Wissenssystem wurde später mehrmals umformiert, bevor die Sammlung Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Funktion als pädagogisches Instrumentarium verlor. Im Archiv der Franckeschen Stiftungen finden sich heute über 30.000 handschriftliche Aufzeichnungen von den Reisen der Missionare durch Indien. Diese enthalten, wie erst kürzlich entdeckt, z. B. wertvolle Hinweise auf traditionelle indische Heilverfahren, die in Indien selber nur als angewandtes Wissen überliefert wurden und mit der Einführung der westlichen Medizin durch die Kolonialmächte in Vergessenheit gerieten.

Während der DDR-Zeit beherbergte der Baukomplex die Arbeiter-und Bauern-Fakultät (ABF), die als spezialisierte Förderinstitution SchülerInnen aus arbeiterlichen Milieus auf ein Auslandsstudium in den sozialistischen Staaten vorbereitete. Die Geschichte der ersten ‹zum Studium delegierten› ArbeiterInnen wird in Hermann Kants Roman ‹Die Aula› erzählt.

Die Geschichte der Franckeschen Stiftungen - mit der Wunderkammer als einer Art Vorstufe des modernen Museums und dem Missionsarchiv, welches heute als Ressource von rarem Wissen zunehmend auch wirtschaftliche Bedeutung bekommt - kann exemplarisch als Geschichte der eurozentrischen Wissensproduktion, Wissensaneignung und Archivierung gelesen werden.

TeilnehmerInnen des Gesprächs sind: Matthew Buckingham, Künstler, Dr. Britta Klosterberg, Leiterin des Studienzentrums, Franckesche Stiftungen, Anke Mies, Bibliothekarin, Franckesche Stiftungen

Explore

Überveranstaltung