Was glaubt ihr?

Root Event

werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Was glaubt ihr?
DE 2006

We Are Replay
Was aber kann nach einem gesellschaftlichen Umbruch kommen, der durch das Scheitern einer (letzten) Utopie gekennzeichnet ist? Kann es noch so etwas wie einen kollektiven Glauben, eine gemeinschaftliche Zukunftsvision geben oder ist nur noch der Rückzug in die Glückseligkeiten der Privatsphäre von Bedeutung? Und, wenn vom Fortbestehen von Ideen und Überzeugungen gesprochen werden kann, dann schließt sich die Frage an, woran glauben im Zeitalter des Postkommunismus?

So lässt der Hallenser Künstler Daniel Herrmann Schüler/innen einer Kooperativen Gesamtschule in Halle-Neustadt sich gegenseitig fragen: Was glaubt Ihr? Jugendliche also, die unberührt blieben von den ideologischen Experimenten in der ehemaligen DDR, aber nicht von deren Konsequenzen. Ostdeutschland gehört zu einem der drei Länder des ehemaligen Ostblocks, das zahlenmäßig die meisten Atheisten aufzuweisen hat, in dem ein hoher Prozentsatz an Bürger/innen am materialistischen Weltbild festhält und wo das Wissen über christliche Religion besonders bei den Jungen äußerst lückenhaft ist.

Aufgewachsen sind die 16-Jährigen unter dem Markenhimmel des konsumistischen Kapitalismus, in einer utopiefreien Zeit also. Wo die Suche nach Gemeinschaft und Glück durch die Verheißungen von Marketing und Werbung im Sinne des ‚We Are Replay’ des Jeanslabels mit selbigen Namen Erfüllung findet und weniger in den institutionalisierten Wunschwelten von ‚Wir sind Papst’.

Gespräche in Workshops und in einer Projektwoche über eigene Sehnsüchte, Vorbilder und Ziele sollen in den Versuch eines (freiwilligen) Glaubensbekenntnisses im Format eines Schreins oder eines Poesiealbums Gestalt finden. Dazu erklärt Daniel Herrmann:
„Der Schrein – die Lade, die Portatile (eine Art mobiler Altar, häufig bei Kreuzzügen mitgeführt) enthält Formen von Reliquien oder Votivgaben und Heiligenfiguren. Dem kommen in heutiger Zeit Objekte und Inszenierungen im privaten Raum gleich. Es kann ein überfrachtetes ‚Beautycase’ sein, vielleicht gefüllt mit goldenen Seifenkugeln von Douglas, seltenen Pillen als Partytrophäen, Mittelmeermuscheln und der Locke des Freundes. Oder, es ist der Rucksack mit Butten-Formationen und Diddlmaus. Ein weiteres Beispiel ist der Spiegel mit Lippenstifthuldigungen, Fotos von Freund und Freundinnen oder angebrachten Konzertkarten. In Perfect Childhood hat Larry Clarke mit seiner Fotoserie bereits alles zur bedeutenden Unterseite eines Skateboards gesagt.

Das Poesiealbum enthält Stammbuch- und Ikonenbildchen, Wünsche und Widmungen. Zeitgemäßere Bekenntnisse sind jedoch meist mit Hinweisen auf die Vorlieben (Speisen, Songs, Tiere, Stars) der Eintragenden versehen. Mitunter sind die Seiten vorformatiert mit Fragen wie: ‚Welchen Schauspieler findest du toll?’ oder ‚Was tust du am liebsten?’. Mit Glitzerherzchenstickern und Bravobildchen kann man den Popstar individuell hervorheben.“

Entfernt von kulturkritischen oder religionswissenschaftlichen Diskursen bilden in Was glaubt Ihr? Fragen nach den alltäglichen Bedürfnissen den Ausgangspunkt. Welche Ideen und Visionen aber hat die neue Generation, die über emotionale Bindungen und soziale Zugehörigkeit innerhalb des Privatraums der Familie und Freunde hinausgehen?

(Angelika Richter: Von Ikonen, Idolen, Avataren und anderen Stellvertretern)

Daniel Herrmann, DE 2006, Installation

Explore

Curator

Überveranstaltung