Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996

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4. Werkleitz Biennale real[work]
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
UK 1998
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns
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What If - „Was wäre, wenn…“ war über mehrere Jahre Titel und bestimmendes Motiv der künstlerischen Arbeit von Liam Gillick. Ausgangsbasis für seine Arbeit ist eine spekulative Nicht-Akzeptanz der grundlegenden Denkfiguren der westlichen Geistesgeschichte. Die Vorstellung von Geschichte als ein Ablauf von Ereignissen einer stringent linearen Zeitebene wird in seinen Arbeiten außer Kraft gesetzt. Sprache als wichtigste Trägerin dieser Denkfigur bietet sich als Medium und Experimentierfeld entgegen dieser Denkkonvention an.
Das im Schwesternzimmer an die Wand geheftete Plakat beschreibt sein Projekt: Von einer Insel vor der US-amerikanischen Ostküste wird ein Sender ein Radiostück übertragen: Die Vision eines Radios aus dem 19. Jahrhundert, bevor das Radio erfunden wurde. Es handelt sich um die Beschreibung eines Übertragungssystems, wie es sich der Autor vorstellte und die Übertragung, die er beschreibt: ein Priester im Jahre 2000, der die Vorzüge einer fortschrittlichen Gesellschaft des Jahres 2000 mit der Vergangenheit des 19. Jahrhunderts vergleicht. Bei der in englischer Sprache vorgetragenen Predigt des Herrn Barton handelt es sich um einen Auszug aus dem Kapitel 26 aus dem von Liam Gillick anläßlich einer Ausstellung in der Galerie für zeitgenössische Kunst wiederaufgelegten Buch des amerikanischen Sozialutopisten Edward Bellamy. Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. Das erstmals 1887 erschienene Buch verglich in Romanform das damalige amerikanische Gesellschaftssystem mit der Vision einer idealen Gesellschaft der Zukunft im Jahre 2000. Der Romanheld verfällt durch die Einnahme eines Schlaftrunks in einen über hundertjährigen Schlaf und wird durch sein Erwachen zum Zeitreisenden und Zeitzeugen dieser neuen progressiven Gesellschaftsform.

Die Wiederauflage der deutschen Übersetzung des Romans konfrontiert eine Gegenwart nach dem Scheitern eines sozialistischen Gesellschaftsmodells noch einmal mit einer Vision aus der Vergangenheit. Die idealtypische Gesellschaft im Jahre 2000, die Bellamy detailliert beschreibt, lässt sich in der Gegenwart nicht wiederfinden, während umgekehrt gerade die Beschreibungen des von Bellamy als rückständig und widersinnig beschriebenen 19. Jahrhunderts überraschende Ähnlichkeit mit heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen aufweisen.

Liam Gillick, UK 1887, Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996

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