Einige RealistInnen

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6. Werkleitz Biennale Common Property / Allgemeingut
Einige RealistInnen
Mark Dion Desk for the Assistant Director of the Brooklyn Museum of Natural History, 1992

Zeichnerischen Realismus denke ich mir zum einen als illusorisches Unterfangen, gleichzeitig aber als Dokumentation unserer Sehgewohnheiten und Bildmetaphern. In der Kunstgeschichte hat das Festhalten an diesen Bildmetaphern den Realismus auch schon zum Kampfbegriff gemacht. Ein Realismusparadigma stand der als bürgerliche Abweichung oder auch als „entartet“ angesehenen Abstraktion gegenüber, die als ausschließend betrachtet wurde, geheimniskrämerisch oder sektiererisch, jedenfalls nicht als Kunstform, die von einer gar nicht gefragten Allgemeinheit zu verstehen war.

Neben dem sozialistischen Realismusbegriff, der in Halle gewiss noch erinnert wird, ist es aber vor allem die in der realistischen Zeichnung liegende Vorstellung eines allgemeinen Blicks, um den es in diesem Ausstellungsteil geht. In dieser Vorstellung wird die Zeichnung nicht nur bis zu dem Punkt geführt, an dem es für den Künstler oder die Künstlerin eine Darstellung ihrer Wirklichkeit gibt, sondern es wird damit eine Lesbarkeit angestrebt, die als allgemein angesehen wird. Oder man bleibt vorgeblich in einer allgemeinen Abbildungsform. Die Zeichnung realisiert sich erst in ihrem Anknüpfen an unsere Sehgewohnheiten. Dadurch tritt die eigentliche Bildanekdote stärker in den Vordergrund.

Wie sich aber bei jeder Auseinandersetzung mit realistischer oder gegenständlicher Bildfindung sofort die Frage nach „welchem Realismus?“ und der eigentlichen Unmöglichkeit des Nachvollziehens stellt, behaupten die Ausstellungsbeiträge sich selbst nicht als realistisch. Vielmehr soll es hier um die Abstraktionsfähigkeit allgemeiner Sehgewohnheit gehen. Das Einschulen in die Abbildung gehört zum zentralen ersten Kunsterleben, auch die Befriedigung und oft anschließende Enttäuschung über die eigenen Möglichkeiten der Abbildung der Welt, die sich immer ein wenig verkomplexisiert nach ihrer Abbildung. Dass es also zum Allgemeingut gehört, Bilder, Zeichnung und Malerei zu lesen und zu interpretieren, ist ein oft vergessenes Detail in der Frage nach dem kollektiven Herstellen von Kulturprodukten. In dieser Denkweise wird unter dem Titel Realismus hier die subjektive Umsetzung kollektiver Bildfindung gezeigt.

Ein weiteres Detail, das sich jedoch erst bei der Vorbereitung der 6. Werkleitz Biennale gezeigt hat, ist das im deutschen Pietismus, der eine starke lokale Vertretung durch die Franckeschen Stiftungen in Halle hat (und sich im Weiteren in den vielen Kirchen der USA wiederfindet), vorherrschende Bilderverbot. Man findet in der Wunderkammer der Stiftungen, einer der berühmtesten Sammlungen von Halle, kaum Bilder. «Du sollst Dir kein Abbild machen», nun, dem widerspricht die Vorstellung von Common Property entschieden. A. M.

Künstlerinnen und Künstler (bei Drucklegung):
Matthew Antezzo, Dirk Bell, Merlin Carpenter, Mark Dion, Regina Dold, Martin Ebner, Franz Graf, Siggi Hofer, Theresa Lükenwerk, Lucy McKenzie, Birgit Megerle, Ariane Müller, Gunter Reski, Eva Seufert, Josef Strau, Megan Sullivan, Susan Turcot.

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