Encyclopaedia Cinematographica

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Encyclopaedia Cinematographica
DE 2001

Die Wissenschaft der Neuzeit unterscheidet sich von ihren Vorgängern dadurch, dass sie Bewegung nicht mehr auf herausgehobene Momente, sondern auf jeden beliebigen Moment bezog. Die Analyse der Bewegung wurde sinnlich anschaulich vorgenommen, indem zum Beispiel Galilei den zurückgelegten Weg eines fallenden Körpers in Relation zur Fallzeit setzte. Die Analyse allgemeiner Bewegungsformen der belebten Welt ist eine der wesentlichen Aufgaben der vergleichenden Verhaltensforschung. Einer im Verhältnis zur Physik sehr jungen Wissenschaft. Die lückenlose, jede Einzelheit festhaltende Beschreibung der Schwimmbewegungen einer Ente ist einem menschlichen Beobachter aber praktisch unmöglich. Irgendetwas wird er immer weglassen. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Entstehung der Verhaltensforschung mit der Entwicklung des Films zusammenfällt. Mit den laufenden Bildern hatte man ein System gefunden, das die Bewegung als Funktion eines beliebigen Moments reproduziert, wie Gilles Deleuze schreibt. Der Film wurde zum wichtigsten Dokumentationsmaterial der Verhaltensforschung. Archiviert wurden die in der Mehrzahl um das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, zu deren Direktoren Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt zählten, entstandenen Filme im Institut für den Wissenschaftlichen Film (IfW) in Göttingen. Aus der Sammlung der Encyclopaedia Cinematographica, einem von Konrad Lorenz mitbegründeten Filmprojekt, hat der Künstler Christoph Keller 2001 in den Berliner Kunstwerken eine Installation arrangiert, die das Archiv in Auswahl zugänglich macht. In der Enzyklopädie sollten ursprünglich in kurzen Filmmomenten die Bewegungen aller lebenden tierischen Bewegungsformen festgehalten werden. Aus den über tausend meist zweiminütigen Filmen hat Keller vierzig ausgewählt. Auf vierzig Monitoren präsentierte er sie als Paralleluniversum rhythmischer Bewegungen, die endlos scheinen, solange die Fernseher nicht ausfallen. So setzt ein Elefant beide Beine einer Körperseite gleichzeitig vor und schaukelt sich im Passgang über den Bildschirm. Auch Giraffen setzen ihre Beine auf diese Weise auf den Boden. Dass die Gangart in ihren mannigfachen Abwandlungen nicht nur die Art kennzeichnet, sondern darüberhinaus „wirkt“, machen die Studien deutlich. Sohlengänger wie Eisbären schreiten ähnlich zielstrebig wie im Knöchelgang sich bewegende Schimpansen und Gorillas. Und die Flugstudien von Kolibris und Insekten haben mehr miteinander zu tun als die Schwimm- und Tauchbewegungen anderer Vögel. Der Galopp von Boxer und Schäferhund könnte unterschiedlicher nicht sein, während die rückwärts nach vorn zusammenklappenden Schwimmschläge des Pfeilschwanzkrebses sich organisieren wie das durchgedrückte Rückgrat des Geparden. Systematische Kategorisierungen werden so systematisch unterlaufen. Trotz der Endlosschleifen der Tierbewegungen verschweigt die Anordnung den endlich geschichtlichen Charakter von Natur und Wissenschaft nicht. Was auch dadurch unterstrichen wird, dass das Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen inzwischen Insolvenz angemeldet hat und gerade zum Verkauf ansteht.

Autor des Textes

Cord Riechelmann

Video, 6:09

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