El Dios Huichol (Der Huichol Gott)

El Dios Huichol (Der Huichol Gott)
DE/MX 2014
© Paloma Medina, Mexico 2014
© Antoniu Valentin Moldovan, Mexico 2014
© Bernhard Hetzenauer, Mexico 2014
© Paloma Medina, Mexico 2014

An einem Abend im Januar 1983 erreichte eine Gruppe von 15 Polizisten die aus einer Handvoll ärmlicher Hütten bestehende Gebirgssiedlung „La Mora“ im Westen Mexikos. In dem kleinen Dorf, das nur zu Fuß zugänglich war, lebten mehrere Großfamilien der indigenen Ethnie der Wixaritari (Huicholes). Faustino Bautista Hernández, der 28-Jahre-alte Sohn des Marakame (Schamanen) von „La Mora“, wurde von den Dorfbewohnern als Gott verehrt. Er hatte mit seinen Anhängern in wenigen Wochen mehrere Männer, Frauen und Kinder seiner Gemeinschaft ermordet. Als die Polizeibeamten Faustino zur Rede stellten, kam es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, die mit Verletzten und Toten endete. Unter anderem starben dabei der „Dios Huichol“ (Huichol Gott), sein Bruder José und ein Polizeibeamter im Kugelhagel.

Faustino war von seinem Vater Librado zum Marakame ausgebildet worden. Wesentlicher Teil der Ausbildung zum Cantador oder Marakame in der Wixárika-Kultur sind mehrere Pilgerreisen in das einige Hundert Kilometer entfernte Minendorf „Real de Catorce“ im Bundesstaat San Luís Potosí. In der Wüstenlandschaft von San Luís liegt der für die Wixaritari heilige Ort „Wirikuta“ und der mystische Berg „Cerro Quemado“, wo nach Überlieferung der Alten die Sonne geboren wurde. In „Wirikuta“ wächst auch der für die Wixaritari heilige Peyote-Kaktus, der die Kommunikation mit dem Geist des Hirsch-Gottes ermöglicht. Der sich in Ausbildung befindliche Jungschamane muss jahrelang bestimmte Verzichts- und Fastenregeln befolgen, bevor er nach seiner fünften Reise nach „Wirikuta“ endlich Marakame ist. Den Auftrag zu heilen gibt ihm der als blauer Hirsch in Erscheinung tretende Geist des Peyote. Es kommt auch vor, dass der Hirsch-Gott während der Peyote-Zeremonie nicht zu dem jungen Schamanen spricht. Dies bedeutet dann, dass der junge Mann nicht Marakame sein wird, z. B. weil er die Regeln nicht befolgt hat oder ihm die Gabe des „Sehens“ fehlt. Dies trat im Falle von Faustino Bautista ein. Etwas in „Wirikuta“ lief falsch.

Nach seiner Rückkehr von seiner fünften Reise von „Wirikuta“ nach „La Mora“ begann Faustino sich selbst als Gott zu bezeichnen. Faustino sei Gott-Vater und vom Himmel herabgestiegen, um seine Gemeinschaft von „La Mora“ spirituell zu leiten und zu führen. Faustinos Vater Librado war überzeugt von der Wahrheit der Worte seines Sohnes und bestärkte diesen. Auch die Bewohner von „La Mora“ glaubten Faustino. Selbst als dieser begann, mit einer kleinen bewaffneten Gruppe seiner Anhänger männliche Rivalen zu ermorden und die Frauen für ihre Sünden zu bestrafen, indem er sie misshandelte und vergewaltigte, erkannten viele der Wixaritari Faustino weiterhin als Gott an. Bald ließ dieser auch Kleinkinder ermorden, die seine „Pistoleros“ bei lebendigem Leib auf einer offenen Feuerstelle verbrennen mussten. In einer benachbarten Siedlung ließ Faustino das ungeborene Kind einer hochschwangeren Frau mit einer Machete aus ihrem Bauch herausschneiden und zerhacken.

Perfide war auch, dass Mütter, deren Kinder ermordet wurden, keinen Schmerz zeigen durften. Wer weinte, musste ebenfalls sterben. Diejenigen, die Faustino anzweifelten oder gar zu fliehen versuchten, wurden sofort erschossen.

Dem jungen Wixárika Asunción „Chon“ Carrillo González gelang schließlich unter abenteuerlichen Bedingungen die Flucht. Chon lief die ganze Nacht hindurch, bis er am folgenden Morgen die Polizeistation von Santa María del Oro erreichte. Dort schenkte man Chons Worten Anfangs keinen Glauben, doch Asunción konnte schließlich den Polizei- Kommandanten überzeugen, mehrere Beamte nach La Mora zu schicken. So kehrte Chon am Abend desselben Tages mit einer Gruppe von 15 Polizisten aus Santa Maria del Oro und Verstärkung aus der Provinzhauptstadt Tepic nach „La Mora“ zurück, wo die Beamten Faustino nach einem wilden Schusswechsel stellen konnten. Der bereits von mehreren Kugeln getroffene, blutüberströmte Indigenaführer lachte die Polizisten aus und rief ihnen hysterisch zu, sie könnten ihm nichts anhaben, denn er würde am dritten Tag wiederauferstehen. Ein Kopfschuss beendete schließlich das Terrorregime des „Dios Huichol“.

Die Bewohner von „La Mora“ flüchteten und ließen sich in den umliegenden Dörfern „La Cofradía“, „El Real“, „El Buruato“, „Santa María del Oro“, „Jala“, „Ixtlán del Río“ und „La Ciénega“ nieder. Viele der Menschen aus „La Mora“ sind bis heute schwer traumatisiert.

Dieses Videoprojekt stellt eine Spurensuche in der Sierra Nayarits zu den Vorfällen rund um den Dios Huichol dar. Es sollen Überlebende, die direkt von der Gewalt in La Mora betroffen waren, zu Wort kommen.

4-­Kanal-Videoinstallation, HD, B/W, loop, 30 min

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