Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996

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4. Werkleitz Biennale real[work]
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
UK 1998
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
© Thomas Bruns
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
© Thomas Bruns
Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996
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Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996

What If - „Was wäre, wenn…“ war über mehrere Jahre Titel und bestimmendes Motiv der künstlerischen Arbeit von Liam Gillick. Hier beschreibt das im Wartezimmer des Gemeindearztes an die Wand geheftete Plakat sein Projekt für Werkleitz: die mögliche Übertragung einer Radiosendung von einem improvisierten Sender auf einer Insel vor der US-amerikanischen Ostküste.

Gesendet wird die Predigt eines gewissen Mr. Barton, aus dem Kapitel 26 des Buches „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887”, wiederaufgelegt von Liam Gillick anlässlich einer Ausstellung in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig 1998 (1+3=4x1). Das Buch wurde 1887 geschrieben von dem amerikanischen Sozialutopisten und frühen Sozialisten Edward Bellamy. Das Kapitel enthält eine Vision der Radioübertragung, bevor das Radio erfunden wurde. In dem Buch wird die Predigt durch ein Röhrensystem an alle Haushalte übertragen, die dieses Programm in einer Art Abonenntensystem regelmäßig bestellt haben. Der Roman verglich das zeitgenössische amerikanische Gesellschaftssystem mit der Vision einer idealen Gesellschaft im Jahre 2000. Der Romanheld verfällt durch die Einnahme eines Schlaftrunks in einen über hundertjährigen Schlaf und findet sich nach seinem Erwachen in einer utopischen Gesellschaft wieder.

Die Wiederauflage der deutschen Übersetzung des Romans konfrontiert die Gegenwart nach dem Scheitern der sozialistischen Gesellschaftsmodelle mit einer Vision aus der Vergangenheit. Die idealtypische Gesellschaft im Jahre 2000, die Bellamy bis in alle Details von der Warenproduktion und Verteilung, bis Alltagsorganisation beschreibt, lässt sich in der Gegenwart nicht wiederfinden, während einige seiner Visionen, so zum Beispiel ein Kreditkartensystem, überdachte Bürgersteige und Informationssysteme per Subskription die Entwicklung unserer heutigen Situation betreffen. Gerade die Einrichtungen, die Bellamy als Fehlentwicklungen des 19. Jahrhunderts beschreibt, weisen ironischerweise überraschende Ähnlichkeit mit heutigen Strukturen sozialer Ungerechtigkeit und ungebremstem Kapitalismus auf.

Obwohl Bellamys Vision zur Entwicklung exzessiver staatlicher Kontrollapparate beigetragen haben mag, kann sein Buch immer noch als ein Plädoyer für eine egalitäre und gerechte Gesellschaft gelesen werden.

Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit

Es handelt sich hier um einen Auszug aus einem Kapitel eines zukunftsweisendes Buches aus dem Jahr 1887, das sich mit der Idee einer utopischen Zukunft auf der Basis einer nicht mehr an Konsum orientierten Gesellschaft befasst. Während der Text keine auf Technologie basierende Fiktion darstellt, enthält er dennoch eine Schlüssel-Passage, die ein Kommunikationsmittel vorstellt, das nunmehr als unser heutiges Radio wiedererkennbar wird. Die Technologie wird sehr flüchtig erklärt, von Interesse ist hier der Inhalt der Sendung. Das Buch handelt von der Ankunft eines quasie-sozialistischen Individuums aus dem 19. Jahrhundert im Kontext des ausgehenden 20. Jahrhunderts, welches sich dennoch von unserer heutigen Realität deutlich unterscheidet. Es war die Hoffnung des Autors, dass unsere Zeit (seine Zukunft) sich durch ihre gerechte Gesetzgebung und nicht monetäre Austausch-Mechanismen auszeichnen solle, ein gewissermaßen post-kapitalistisches Nirwana. Seine Verwendung eines dem Radio ähnlichen Sende-Mediums erlaubt es dem fiktiven Zeitreisenden, ein wenig über die einschneidenden gesellschaftlichen Verbesserungen zu erfahren, die in dieser Utopie eines 20. Jahrhunderts umgesetzt wurden. Bis zum heutigen Tag war diese Rede nur in diesem Text eingebettet und eingeschlossen. Für diese Ausstellung wird sie endlich befreit und weitergegeben. Für die Dauer der Ausstellung wird die einstündige Sendung wiederholt von einem Kurzwellensender auf einer Insel vor der nordamerikanischen Atlantikküste ausgestrahlt. Die Frequenz des Senders wird nicht genauer bestimmt, ebenso unwichtig sind die genauen Sendetermine. Es ist angemessen, dass diese Nachricht an einen Ort übermittelt wird, der dabei ist, seine eigene Bestimmung innerhalb der liberal-kapitalistischen Realität des modernen Europas zu verhandeln. Eine Reihe von Ideen aus einer parallelen Gemeinschaft und eine Ermutigung für eine Illusion der Erfüllung, welche das Licht zurückwirft auf den Verfasser der ursprünglichen Botschaft. Diese Arbeit wurde erstmals im Jahre 1996 konzipiert und in Christiania in Dänemark ausgestrahlt. Die Handlung des Buches spielt im Jahr 2000. Eine Wiederaufnahme, die sich mit der Projektion des Schriftstellers verbindet, erscheint dementsprechend angemessen.

Liam Gillick 1996/2000

Autor des Textes

Corinna Koch & Christiane Mennicke-Schwarz

Liam Gillick, UK 1998, Eine Radiosendung aus dem Jahr 1887 zum Thema unserer Zeit, 2000/1996

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