Ein Gott, ein Weltall, ein Volk

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Ein Gott, ein Weltall, ein Volk
TW 2012
Ein Gott, ein Weltall, ein Volk, 2012, © Yin-Ju Chen
Ein Gott, ein Weltall, ein Volk, 2012, © Yin-Ju Chen
© Wieland Krause
Ein Gott, ein Weltall, ein Volk, 2012, © Yin-Ju Chen
© Wieland Krause
Ein Gott, ein Weltall, ein Volk, 2012, © Yin-Ju Chen
© Wieland Krause

Wenn mit Gewalt eine Gesellschaft entsteht

Über James T. Hong und Yin-Ju Chen

Wie sehr eine bestimmte Gesellschaft ideologisiert ist, lässt sich durch ihr Verhältnis zur Gewalt einschätzen. Es ist die Ideologie, die die Gewalt legitimiert. Sie schafft eine gewisse Einigkeit darüber, was als annehmbare und notwendige Gewalt zählt, eine Übereinkunft, die das soziale Gefüge bis auf die mikroökonomische Ebene des ästhetischen Empfindens und die Grenzen des Tolerierbaren durchdringt. Die moderne Gesellschaft wird eher durch solche Übereinkünfte geschaffen als durch den selbst auferlegten berühmt-berüchtigten Gesellschaftsvertrag. Die Gesellschaft der Moderne entsteht durch eine bestimmte Form von primärer Gewalt und nicht durch die individuelle Entscheidung, sich einem allgemeingültigen Gesetz zu unterwerfen. Namen für diese Gewalt sind Kolonialismus, Disziplin und verschiedene Formen des Terrors. Es handelt sich dabei um eine grundlegende Gewalt, die gesellschaftlicher Ordnung vorausgeht, eine negative Zone der Gesetzlosigkeit, auf deren Basis schließlich eine positive Ordnung und das Gesetz entstehen. Jedes zeitgenössische Utopieprojekt wird sich mit diesem konstitutiven Schwachpunkt moderner Politik auseinandersetzen müssen.

Die Ideologie, die diese Gewalt aufrechterhält und fortbestehen lässt, ist nicht unbedingt eine in Büchern oder sonst wo festgeschriebene. Sie ist negativ, im Sinne von nicht positiv, und verborgen in einem stummen normativen Kern, durch ihn belebt und verkörpert. Gleichzeitig wird sie in ein imaginäres Außen überführt, projiziert auf eine bestimmte Typologie des Anderen, auf Figuren von Differenz und Transgression. Und doch erkennt man sie allemal an ihren Mustern, Symptomen und Diskursen. Zu letzteren zählen vor allem die historischen Wahrheiten. Zwar ist dies nicht auf Nationalismus und andere imperiale Zielsetzungen begrenzt, wird unter deren Ägide aber besonders offensichtlich. Ein hohes Maß an Ideologie zeigt sich in Gesellschaften, deren Verbundenheit durch kollektive Leugnung gewahrt wird, was immer dann der Fall ist, wenn Tätergemeinschaften das nationale Gedächtnis diktieren und auf die Verwicklung und Komplizenschaft eines Großteils der Bevölkerung zählen können. In solchen Fällen grenzt die Ideologie einer Gesellschaft typischerweise an Fiktion und Fantasie. Dann wird die kollektive Wirklichkeit vom Negativen der Gewalt durchzogen und zeigt psychopathologische Symptome. Diese Art von Fiktion verwandelt die Wirklichkeit als solche in ein Kriegsgebiet, in ein Schlachtfeld aus Dominanz und Unterwerfung. Die „Ideologie“ ist in diesen Fällen selbst Medium und Milieu fortdauernder Gewalt.

Dialektisch betrachtet entsteht durch die kollektive Lüge und Leugnung eine Sprache der Propaganda. Sie skizziert einen Aktionsbereich, in dem bestimmte Formen von Gewalt wie in einem Drehbuch von der Vergangenheit vorgeschrieben sind, d. h. also von der Gestalt des politischen Körpers bzw. der Gesellschaft. Diese Drehbücher warten nur darauf, dass jemand ihrem Ruf folgt, sie für sich beansprucht. Ihnen sind die Arbeiten James T. Hongs gewidmet, den Drehbüchern des Nationalismus, Imperialismus und Rassismus. Ohne ein essentialistisches Konzept von historischer Wahrheit seziert James T. Hong die Architekturen der Macht, die die historische Lüge hervorbringen. Häufig bedient er sich dazu der internen Dialektik von Verschleierung und Enthüllung, der Grundlage jeder Propagandasprache, die sich bereits im kleinsten Moment von Differenz zeigen kann.

Bis auf The Duck of Nature / The Duck of God setzen sich alle im Werkleitz Programm vorgestellten Filme Hongs mit Kontroversen über historische Wahrheiten, ideologische Mobilisation und den Status der staatlichen Gewalt in der Moderne auseinander. Apologies ist eine faszinierende Sammlung von Statements von Regierungschefs und führenden Militärs aus der ganzen Welt. Allen Äußerungen gemein ist, dass sie, wenn auch in unterschiedlichem Maße, stets den Charakter einer offiziellen Entschuldigung haben. Von Willy Brandt bis zu Henry Kissinger und Richard von Weizsäcker über Ronald Reagan, Japans Tomiichi Murayama, Bill Clinton und Donald Rumsfeld bis zu John Allen, Kommandeur der ISAF in Afghanistan, um nur die bekanntesten zu nennen, sie alle offenbaren ein Schreckenspanorama, das zu der bereits genannten Schattenseite der modernen Gesellschaft führt, zum Schwachpunkt ihrer systemischen Gesetzesüberschreitungen, dem Bereich, in dem sie dem Terror Asyl gewähren. Die notwendige Demutsgeste in der Darbietung der Entschuldigung fungiert als Kehrseite der Heldenpose, der von Ideologie durchdrungenen Körpersprache des typischen Täters des 20. Jahrhunderts. Das „Genre“ der staatlichen Entschuldigung kam erst in den 1980er Jahren auf. Vielleicht war erst dann eine gewisse Anerkennung des Wesens der modernen Gesellschaft möglich. Aber warum? Diese durchaus berechtigte Frage stellt sich während des ganzen Films. Wie verändert sich unser Verhältnis zu den geschichtlichen Epochen, in die wir eingeschrieben sind?

Cutaways of Jian Chun Gen, bei dem Yin-Ju Chen Co-Regie geführt hat, ist Teil eines fortlaufenden Projekts, in dem es um die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs in Ostasien geht, insbesondere die der japanischen Experimente mit biologischen und chemischen Waffen. Der Protagonist ist ein chinesischer Bauer, der 1942 im Alter von nur zwei Jahren Opfer der biologischen Kriegsführung der Japaner wurde (Rotzkrankheit) und seitdem mit nicht heilenden Wunden leben muss. Der damit in Verbindung stehende Dokumentarfilm Lessons of the Blood, ebenfalls unter der Co-Regie von Yin-Ju Chen, befasst sich mit den historischen Kontroversen in Lehrbüchern und der japanischen Leugnung, was das Ausmaß des Terrors angeht, den Japans rassistische und imperialistische Pläne im Zweiten Weltkrieg über die Welt gebracht haben. Der Film gibt eine Einschätzung wieder, die uns von Jean-Luc Godard vertraut ist, dass nämlich Fiktion das Genre ist, in dem sich die Fantasie des Siegers artikuliert und manifestiert, während dem Opfer lediglich die Sprache des Dokumentarfilms bleibt. Die Schlachten um Macht, Repräsentation und Bewusstsein durchziehen Ästhetik, Form, Ausdruck und Genre.

Yin-Ju Chens Arbeit tendiert auf diesem Schlachtfeld zu der Seite der Macht-Fiktionen. Sie widmet ihre Arbeit dem Innenleben dieser Fiktionen. Wie zeigt sich Fiktion als gesellschaftliches Moment, als Moment der Macht? Eine Gemeinschaftsproduktion von Chen und Hong ist die Installation The Turner Archives, eine Videoinstallation über die Grenzphobien und Phantasmen des Rassismus, die uns in einen installativen Raum führt, in dem Objekte darauf verweisen, dass hier gerade ein Angriff auf die Regierung und multikulturelle Ordnung der Vereinigten Staaten vorbereitet wird. Grundlage der Installation ist der Roman Die Turner-Tagebücher, ein Standardwerk der weißen amerikanischen Rassisten, das die Schlacht und den Sieg der weißen Rasse über die Farbigen beschreibt. Die Arbeit lässt sich als Untersuchung eines immunologischen Deliriums verstehen: Phantasmen der Macht und der Reinheit, gesponnen vor dem Hintergrund von Invasion, Hybridität und Verseuchung, ein Theater der Monstrosität, das eine umgekehrte Identifikationslogik hervorbringt, durch die sein Gegenstand letztendlich selbst zu dem dialektischen Monster wird, das es auf seine Umgebung projiziert.

In ihrer Videoinstallation One Universe, One God, One Nation befasst Yin-Ju Chen sich noch eingehender mit den Gesetzen, die die Struktur der Macht im Bereich der kollektiven Fiktion beherrschen. Dabei geht es um einen ganz besonderen Moment: das Zeitalter der Erforschung des Weltraums in den 1960er Jahren. Ihm werden die damals bestehenden Formen von imperialer, ideologischer und totalitärer Macht gegenübergestellt. Die Inspiration für diese Arbeit lieferten Hannah Arendts Analyse der Raumforschung als Form der „Weltentfremdung“ und das astrologische Horoskop von Chiang Kai-shek, Führer der Kuomintang, der 1949 von Mao besiegten nationalistischen Regierung Chinas, der im Anschluss zum autoritären Präsidenten in seinem Exil in Taiwan wurde. Was Yin-Ju Chen an den Regierungsmythen und Ideologien des 20. Jahrhunderts fasziniert, ist deren irrationale Schattenseite, die Art und Weise, wie sie von bestimmten Figuren und deren charismatischer Aura, wie im Fall von Chiang, beherrscht wurden. Darüber hinaus interessiert Yin-Ju Chen sich für die Konstitution des Kollektivs als einem mobilisierten Kollektiv, das sich im Spiegelbild seiner charismatischen Führung scheinbar von selbst bewegt. Dieses mediale Wechselspiel zwischen der charismatischen Macht und dem Volk erinnert Yin-Ju Chen an das Spiegelverhältnis von Mikro- und Makrokosmos, das für eine überwältigende Zahl prämoderner und obskurer Glaubenssysteme fundamentale Voraussetzung ist. Zwischen die grandiosen Bildwelten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem Kosmos, dem Rande des Universums und den Traumzuständen „anderer Welten“, und die Bilder von militärischem Drill und kollektiver Machtergebenheit fügt Yin-Ju Chen das Horoskop von Chiang Kai-shek ein. Es erinnert unweigerlich an die Tradition der göttlichen Herrschaft, die Jahrtausende lang im Mittelpunkt des chinesischen Reichs stand, und scheint dem zukünftigen Führer in der Tat ein himmlisches Herrschaftsmandat zu prophezeien und damit auch zu gewähren.

Mit diesen Mitteln gelingt es der Arbeit One Universe, One God, One Nation, das Gefühl eines Einschlusses zu vermitteln. Der Kreis schließt sich, es kommt zum dialektischen Zusammenbruch: Die „andere Welt“ wird immer als dieselbe wiederkommen. Die Logik der Macht und ihre Struktur im Hinblick auf Fiktion und Charisma stellen offenbar eine Falle mit kosmischen Dimensionen. Und genau diese Machtdynamik finden wir im Kern des modernen Dilemmas mit dem Utopismus wieder. Utopien vermeiden bedeutet von daher vielleicht in erster Linie, einer gewissen Spaltungs- und Abgrenzungslogik, die das Utopische ideologisch macht und die in dem Moment in Kraft tritt, in dem sie sich selbst in ein imaginäres Anderswo projiziert und von der realen Welt absetzt, nicht zum Opfer zu fallen. Die einzige moderne Utopie, die diese Art von historischer Dialektik stets überleben wird, ist jene, die sich dem Bann des Horoskops und dem „Kosmos“ des Charismas entzieht.

Anselm Franke

Autor des Textes

Anselm Franke

Dreikanal- Videoinstallation, 16:43 min

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