Doubble Bubble

Root Event

7. Werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Doubble Bubble
FR 2001

Das Wort, seine Aneignung und die Doppelmoral
Die großen Konfessionen basieren auf einer Jahrtausende währenden Verkündung des ,offenbarten Wortes‘, aus der sich ethische Vorgaben für jeden Menschen und Verhaltensregeln für die Gemeinschaft ableiten lassen. Das ,offenbarte Wort‘ und die von ihm abgeleiteten Normen eröffnen zudem einen historisch bedingten Interpretations- und Verhandlungsspielraum. Dieses Angebot von Vieldeutigkeiten birgt auch eine Gefahr: „Weil Religiosität mit Letzthorizonten zu tun hat, liegt bei aller religiösen Wirklichkeitsdeutung immer die Tendenz zum Selbstabschluss, zur Verabsolutierung, zur Totalsetzung zugrunde.“5
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ lautet das dritte Gebot im zweiten Buch Mose. Um jenen Missbrauch geht es in Double Bubble (2001), einer Videoarbeit von Maja Bajevic. Die Künstlerin inszeniert sich in unterschiedlichen Posen als selbstbewusste Sprecherin von zumeist männlich konnotierten Entlastungen des eigenen Tuns: „Ich befreie Menschen von ihren Sünden. Sie geben mir Geld. Alles hat seinen Preis“; „Meine Waffen bereite ich immer freitags vor. Samstags mache ich gar nichts.“; „Ich habe 55 Menschen erschossen während des Gebets. Im Namen Gottes“; „Ich bin nur Mitläufer. Sonst tue ich nichts. Gott ist mein Zeuge.“
Im selbstgerechten Rückgriff auf religiöse Dogmen aus Christentum, Judentum und Islam werden die Auslegungen als Eigennutz, Ichverlust und Menschenverachtung herausgestellt. Das künstlerische Moment der Verdopplung des Gesprochenen, einem Echo gleich, verstärkt die Wahrnehmung der Aussagen als Doppelmoral oder Doppelzüngigkeit. In der verbalen Vergewaltigung von Glaubensbekenntnissen stecken die fauligen Exzeme von Nationalismus, Fundamentalismus und Neototalitarismus religiöser Prägung.
Maja Bajevic stammt aus Sarajevo, einer Stadt, deren Bewohner die Auswüchse religiös begründeter Nationalismen teilweise nicht überlebten. Lüge und Scheinheiligkeit, Demagogie und Gewalt gegen Andere sind es, die die Künstlerin als Widersprüche und Verletzungen der religiösen Gefühle entlarven will.
Bei allen Formen der Umdeutungen von Offenbarungen bis hin zum Extremismus entstehen aber auch Fragen, ob die Verabsolutierungen nicht selbst bereits im niedergeschriebenen ,Wort‘ enthalten sind: „Steht der ,Name des Herrn‘ und sein offenbarter Aussagebestand ausschließlich für das Gute, während es die ,bösen‘ Menschen sind, die in Verfolgung ihrer schlechten Absichten dieses ,absolut Gute‘ deformieren und pervertieren? Oder trägt der Name des Herrn, der offenbarte göttliche Wille, nicht bereits die Wurzel zu seiner herrschaftlichen Anwendung in sich, so dass der Vorwurf des Missbrauchs als ein nachträgliches Ablenkungsmanöver anzusehen wäre?“6

(Anke Hoffmann: Glaubenssysteme zwischen Medien, Markt und Menschen)

Maja Bajevic, FR 2001, Video, 4 min
Courtesy Peter Kilchmann Gallery Zürich, Michel Rein Gallery Paris

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