Dieu

Root Event

7. Werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Dieu
FR 2004

„Eine Klassenkameradin erzählte mir: Als sie sich entschieden hatte, ihre Religion nicht mehr zu praktizieren, als sie – wie man bei uns sagt – ‚die Augen öffnete‘, hat sie während des Sabbats das Licht angemacht. Als sie auf den Schalter drückte, war sie überzeugt, es würden in genau diesem Moment Flammen aus der Wand schießen und ihre Finger anfangen zu brennen und Gott selbst würde sie bestrafen.“ (Fabián Teruggi, Dieu, 2004)

Für ihren Film Dieu hat die französische Filmemacherin und Künstlerin Valérie Mréjen ehemalige orthodoxe Juden darum gebeten, jene entscheidenden Momente oder Phasen zu beschreiben, als sie zum ersten Mal eine religiöse Vorschrift verletzten – zum Beispiel am Sabbat oder in dem Moment, als ihnen nach dem Übertreten eines Gebotes klar wurde, dass sie es außer Acht gelassen hatten (das Anzünden von Licht am Samstagabend, am Sabbat Milch und Fleisch miteinander zu mischen, ins Kino zu gehen). Mréjens Interesse richtet sich darauf, wie diese Menschen jene Momente in ihrer Alltagssprache beschreiben, und auf die Einzigartigkeit dieser Handlung im Gegensatz zum gewöhnlichen Leben. Die Wirkung dieses Zusammentreffens von kurzen Schilderungen in ihrer amüsant-individuellen Ausdrucksweise und einem verinnerlicht-religiösen Kodex werden durch minimale Ausstattung und unbewegte Kamera verstärkt.

„Als ich 17 oder 18 war, studierte ich an einer Jeschiwa in Bnei-Braq. Ich hatte noch nie einen Film gesehen und ich wollte ins Kino. Im Kino sollte ja so einiges geboten werden. Das heißt, man bekam nackte Mädchen zu sehen. Ich sehe also ein Plakat von Moderne Zeiten und denke mir: ‚Moderne Zeiten, perfekt, der muss sehr aktuell sein.‘ Er lief im Israelischen Museum in Jerusalem. Ich verstecke also meine Jacke und meinen Hut in einer Tasche und setze mich. Der Film ist in schwarz-weiß. Ich sitze da mit weit aufgerissenen Augen. Am Ende der Vorstellung hatte ich völlig vergessen, warum ich gekommen war. Ich ging aus dem Kino und dachte über den Film nach. Ich war wie verwandelt nach diesen zwei Stunden. Ich war gekommen, um nackte Mädchen zu sehen – was ich sah, war Moderne Zeiten von Charlie Chaplin.“ (Fabián Teruggi, Dieu, 2004)

Text von Solvej Helweg Ovesen (Aus: Der Thron bleibt leer)

Video, 11:30 min
Courtesy galerie cent8-serge le borgne, Paris

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