Der Weg, dem man folgt

Root Event

Videokunst- und Kurzfilmfest Facing the Artwork
Der Weg, dem man folgt
10. 6. 2011
Glebs Film © Christian Hornung

Stellen wir uns vier blinde Männer vor: Jeder ertastet einen anderen Teil eines Elephanten, den Stoßzahn, den Schwanz usw. Sie beschreiben einander den ertasteten Teil und werden dennoch nicht herausfinden, was genau ein Elephant ist. Dies sei ein Gleichnis über Wahrnehmung und Bewusstheit, wird am Ende des Filmes „Traces of an Elephant“ (Vanessa Nica Mueller) resümiert. Die Schlussfolgerung der Passage lautet: „Unsere Erkenntnis ist begrenzt durch unser fehlendes Bewusstsein des Ganzen”. Auch wenn man einen Elefanten physisch unmittelbar wahrnehmen kann, stößt man bei dem Versuch, den Begriff „Elefant“ erschöpfend zu erfassen, an Grenzen. Der „Elefant“ ist in verschiedenen Kulturen mit bestimmten Orten verbunden, beispielsweise mit der Sahara oder dem Zoo. Es gibt verschiedene Elefantenarten, im Hinduismus kommt ihm eine spezielle Symbolik zu und er wird sogar mit einer Disney-Figur oder einem deutschen Jagdpanzer aus dem zweiten Weltkrieg assoziiert. Auch bei diesem relativ unkompliziert scheinenden Fall des Elefanten ist es unmöglich, alle Konnotationen des Begriffs zusammenzutragen.

Bei der künstlerischen Abbildung des Elefanten ist es ebenso unmöglich, alle Bezüge auf einmal zu erfassen. Im hinduistisch-religiösen Kontext ist die
Assoziazion mit einem Jadgpanzer meistens irrelevant, genau wie die mit „Dumbo“. Bei der Gestaltung einer Erzählung, muss der größte Teil des Bedeutungsgewebes ausser Acht gelassen werden, damit die gemeinte Bedeutungsebene im Vordergrund stehen kann. Subjekt und Objekt der Geschichte müssen mit der Handlung kompatibel sein. Damit man einem Gedankengang folgen kann, muss der Weg von überflüssigen Nebenpfaden frei sein. Zwischen „Erzähler“ und Publikum wird eine unausgesprochene Vereinbarung bezüglich des Interpretationsrahmens vorausgesetzt, wodurch die Rezeption erst möglich wird.

In dem Programm „Der Weg, den man folgt” werden Filme gezeigt, die sich mit dem Interpretationsrahmen selbst auseinandersetzen und diesbezüglich den Spielraum sowie die vorgegebenen Muster thematisieren.

In „Traces of an Elephant“ gibt die schwierige politisch-gesellschaftliche Situation in Nordirland den Rahmen vor. Vanessa Nica Mueller benutzt Film-Ausschnitte aus Alan Clarkes viel diskutiertem Kurzfilm „Elephant“ (1989) und kombiniert diese mit Audioaufnahmen, in denen Menschen aus Belfast über Szenen aus dem Film, über Veränderungen in der Stadt und über persönliche Erinnerungen, die mit dem Film in Zusammenhang stehen, sprechen. Die Kamera folgt mit schonungsloser Objektivität Täter und Opfer eines Mordfalles auf dem Weg zur Tatort, aber kurz vor dem Mord ist die Szene plötzlich zu Ende und wir springen über zum nächsten Mordfall. Es gibt keine Möglichkeit zur Flucht und auch keine Erklärung. Wie einer der Interviewten sagt: Man habe das Gefühl, dass die Stadt selbst bzw. ihre Struktur schuld sei – es sei nämlich kein anderes Motiv zu erkennen.

Das serbische Autoren-Team Doplgenger (Isidora Ilic & Bosko Prostran) thematisiert gender-spezifische Rollenmuster. Nach der Theorie von Laura Mulvey, der bedeutenden feministischen Filmtheoretikerin, ist im Kino die Subjektposition immer dem Mann (Träger des Blickes), die Objektposition immer der Frau („Erträgerin“ des Blickes) zugeteilt. Die Perspektive gibt mögliche Rollen, mögliche Narrative vor und wir akzeptieren diese Muster ohne uns ihrer bewusst zu sein.

In „Glebs Film“ erzählt ein Friseur seinen KundInnen eine Liebesgeschichte, die als Entwurf für einen Spielfilm dienen soll. Die Handlung wird durch die Einwohner und die Verhältnisse der Gegend inspiriert, in der der Erzähler und die Zuhörer wohnen. Die Handlung wird während des Erzählprozesses unter Berücksichtigung der Anmerkungen und Gegenreden der einzelnen KundInnen modifiziert. Die durch die Diskussionen entstehende Geschichte könnte als eine fiktionale Abbildung der kleinen Welt des Friseursalons verstanden werden.

Text von

Virág Bottlik

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