Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen

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Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen

Respondent

Den Tag erkennst du schon an seinem Morgen (links)
Den Tag erkennst du schon an seinem Morgen (rechts)

Margarita Dorovska

Dagmar Keller & Martin Wittwer, Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen

Falls mich jemand gefragt hätte, wie eine urbane Situation bar jeder menschlichen Aktivität aussähe (unter Auslassung von Sci-Fi-Katastrophenszenarien), wäre mir wohl kaum etwas so Einfaches wie die Beobachtung eines Wohngebiets zur Zeit der Morgendämmerung in den Sinn gekommen.

Die Stille des Sonnenaufgangs stellt sozusagen die Antithese zu dem dar, was man als Urbanität wahrnimmt, da geschäftiges Treiben die Städte auszeichnet, ob zur Hauptarbeitszeit oder zur Sperrstunde. Allein, wie aufmerksam ist man tatsächlich auf dem Nachhauseweg gegenüber den Sehenswürdigkeiten der Stadt?

Während dieser stillen Zeit steht die Stadt selten im Fokus der Betrachtung. Daher war ich überrascht, als Dagmar Keller und Martin Wittwer während ihres Aufenthalts in Sofia das Projekt Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen[1]vorschlugen. Sie planten die Aufnahme zweier Stadtteil-„Kulissen“ während der zweieinhalb Stunden, in denen sich die völlige Dunkelheit in den Sonnenaufgang auflöst, wenn sich warmes, gelbes Licht langsam ausbreitet, noch bevor es in ein lebhaftes Blau explodiert, das die Silhouetten der Gebäude zeichnet.

Als mir die Künstler ihre recht präzisen Pläne vorstellten, waren es, offen gesagt, weder der morgendliche Workout der Lichtstrahlen noch die innewohnende Dynamik ihrer fotografischen Qualitäten, die meine Fantasie beflügelten. Vielmehr überfiel mich die banale Neugier, in welchen Abständen wohl die Wecker der Leute klingelten, deren Wohnhäuser in dem Zweikanal-Video abgebildet werden.

Auf der rechten Projektionsfläche von Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen werden Totalen von Orten gezeigt, die im Licht der aufgehenden Sonne als Hochhaussiedlungen zu erkennen sind, die rasch erbaut wurden, um die Nachfrage nach Wohnungen in der schnell wachsenden Hauptstadt zu befriedigen. Links sieht man Bilder der protzigen Vorstädte, wohlhabend wie immer, mit dem Vitoža-Gebirge als Hintergrund. Doch keine der Projektionen funktioniert einfach als Kehrseite der anderen. In einer Zeit des Übergangs von einer angeblich klassenlosen Gesellschaft zu einer Sozialordnung, die durch freie Marktkräfte in einer globalen Wirtschaft geprägt ist, spiegelt dies zu einem gewissen Maße die Verwirrung, die wahrscheinlich noch immer die Beziehungen durchtränkt zwischen der Zugehörigkeit zur politischen Linken und Rechten, zwischen wirtschaftlichem Status und sozialem Hintergrund.

Lange Sequenzen mit allmählichen Veränderungen des Lichts, den natürlichen Geräuschen der Grillen und Hunde und dem sporadischen Aufheulen von Fahrzeugmotoren verleihen der Arbeit die Anmutung von Gelassenheit und Unaufgeregtheit. Der Mond zeichnet Konturen, die später zu Gebäuden werden, dann geht er langsam unter. Die Straßenbeleuchtung geht aus. Bisweilen leuchtet ein Fenster auf.

In Ljulin[2] ist die erste Person, die man sieht, ein Mann, der Dinge aus Mülleimern sammelt und ein Wägelchen hinter sich herzieht, in dem er seine wertvollen Funde aufbewahrt: ein Ein-Mann-Betrieb, nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Einige Zeit später läuft ein streunender Hund vorbei: vielleicht der Streuner eines Streuners.

Zwischen den Plattenbauten liegen verwilderte Grünstreifen. In einem davon schneidet sich offensichtlich ein autonomer Pfad durch den hohen Wildwuchs. Dort marschiert eine Gruppe von Leuten mit gelben Jacken langsam durch das Bild, Besen in der Hand. Weitere Passanten schlagen sich durch das Grün.

Ihren Morgenkaffee aus Plastikbechern schlürfend, wartet eine weitere Kampfgruppe von Gelbjacken der staatlichen ABM-Maßnahmen auf den Bus, der sie zu ihrem unerreichbaren Ziel der Stadtsäuberung bringen wird. Eine Hundefamilie spielt frohgemut auf dem Grünstreifen an der Bushaltestelle. Der Tag hat begonnen.

In Bojana und Dragalevci[3] nimmt die Kamera Einfamilienhäuser mit großen Höfen auf, umgeben von hohen Betonmauern, die abrupt in verwilderten Grünstreifen enden. An einigen Orten wurde anscheinend komplett planlos gebaut: hier ein Haus, dort ein anderes. Die Infrastruktur ist hier ebenso unlogisch wie in Ljulin. Man sieht die alten, großen Häuser der früheren Partei-Elite und die neuen Häuser der Neureichen, die frisch gestrichenen Residenzen der Diplomaten und die Sommerhäuser der „Intelligentsia“, Überwachungskameras und Häuschen für Wachposten, gesicherte Burgen im Mafia-Barock.

Auf die Bewohner der Gebäude lässt sich nur schließen, indem man anhand der Undurchdringlichkeit der Fassaden und Umzäunungen urteilt. Und obwohl man weiß, dass Stereotype aufs Glatteis führen können, sind sie hier der einzige Weg der Erkenntnis.

Als Fremder in einem lokalen Kontext unterliegt man immer der Gefahr einer entweder oberflächlichen oder überforderten Wahrnehmung. Durch den gelassenen, kontemplativen Charakter von Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen gelingt es, beides zu umgehen. In dieser Installation verfolgen Dagmar Keller und Martin Wittwer weiter ihr Interesse an Wohngebieten, urbanem Geflecht, den Sehnsüchten und Selbstdarstellungen der Stadtbewohner und der Schnittmenge kommunaler Planung und politischer Vorhaben, die von oben herab verordnet wurden (vgl. Say Hello to Peace and Tranquility, 2001; Tor Tre Teste, 2006/07; What You Want to See, 2006). Das Fehlen einer Handlung und das seltene Auftreten von Menschen sind weitere markante Merkmale dieser Arbeit. Die Präsenz von Menschen wird eher in Form realer oder fiktiver Lebensräume dargestellt. In Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen gelingt es jedoch zum ersten Mal, zwei Welten zusammenzubringen, die ursprünglich unvereinbar sind. Beide konnte man bereits in früheren Projekten beobachten, doch hier sind sie voller Dislozierungen und Eigentümlichkeiten, die der Vorstellung, es handle sich um entgegengesetzte Pole, erfolgreich trotzen.


[1] Der Titel ergibt sich aus der Übersetzung des bulgarischen Sprichworts Денятсиличипозаранта, das Keller und Wittwer in Die fingierte Revolution. Bulgarien, eine exemplarische Geschichte fanden. Das Buch des bulgarisch-deutschen Schriftstellers Ilija Trojanov ist den Opfern sowohl des totalitären Regimes als auch der demokratischen Regierung Bulgariens gewidmet.

[2] Ljulin ist eine Stadt innerhalb der Stadt. In der zweiten Hälfte der 1960er für 120.000 Einwohner geplant, stellt Ljulin das größte Wohngebiet des Landes dar.

[3]Bojana and Dragalevci sind benachbarte Wohngebiete in Sofia, die am Fuße des Vitoža-Gebirges liegen. Allgemein als repräsentativer Wohnort angesehen, sind sie bekannt für ihre teuren Wohnungen und Häuser.

Dagmar Keller & Martin Wittwer, Den Tag erkennst Du schon an seinem Morgen

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