Dancing On My Life

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Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden

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Utopien vermeiden Ausstellungsparcours

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Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden
Performance
Dancing On My Life
12. 10. 2013
RS / HU 2013
Dancing On My Life, 2013, © Bálint Szombathy
© József R. Juhász
Dancing On My Life, 2013, © Bálint Szombathy
© Jeno Eugène Detvay
Dancing On My Life, 2013, © Bálint Szombathy
© Jeno Eugène Detvay
Dancing On My Life, 2013, © Bálint Szombathy
© Jeno Eugène Detvay
Dancing On My Life, 2013, © Bálint Szombathy
© Wieland Krause

In den Sümpfen der Utopien

Was wir tun. – Was wir tun, wird nie verstanden, sondern immer nur gelobt und getadelt.“

… sprach bzw. schrieb Friedrich Nietzsche 1882 als 264. Aphorismus des dritten Buches seiner Fröhlichen Wissenschaft.

Damit legt der Philologe Nietzsche den Stein des Anstoßes und bietet zugleich die heilende Erlösung einer fortdauernden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Akt, die bis zum heutigen Tag anhält. Unmissverständlich ist die Sentenz im Sinne des beständig zu betrachtenden, aber nie zu realisierenden Zustandes der Utopie. Denn die Utopie, oft Ziel der Kunst, kann es nur in der Vorstellung des Betrachters geben … in einem Zustand, der an die Sehnsucht Jean Genets erinnert, der das Einhorn auftauchen sah in einer mythischen Landschaft.1

Film und Videokunst, die u. a. in der Tradition der Aneignung technologischer Werkzeuge des Staates stehen, um dessen leeren oder täuschenden Versprechen etwas entgegenzusetzen, sind eben jene Künste, die dann in den seltensten Fällen als solche verstanden werden. Konfrontiert man diese zeitbasierten Medien mit traditionellen Ausdrucksformen – Malerei, Skulptur, Plastik –, riskieren Künstler und Kuratoren, vom Publikum als dilettantisch kritisiert zu werden.

Trotzdem versuchen wir, uns dem Zustand der Utopie, diesem Freiraum des unbegrenzten Denkens, ständig anzunähern und ihn durch die verschiedensten Sprachen der Kunst und deren Vokabular zu dechiffrieren. Wenn wir an Nietzsches aphoristisches Versprechen glauben, dass der Nebel der Kritik dichter wird, je näher wir der Utopie kommen,dann müssen wir unseren Weg gehen, bis das gewaltige Krachen des Scheiterns nicht die ersehnte Utopie, sondern die finstere Dystopie hervorbringt.Ein Krachen eben.

Ohne die Dinge gesehen zu haben, fällt doch der Titel ‚Utopien vermeiden‘ sofort auf. Nimmt man dies ernst und versteht es als vertretenen Standpunkt, dann erscheint mir das doch als fatales Zeichen. Als gesellschaftlicher Kommentar ist es denn nichts weiter als die Selbstgenügsamkeit einer Szene, die ihr Codes schon kennt (Netzewerke, Kontakten) und nicht mehr will als Ihre eigene Selbstbehauptung. Gerade heute wäre es doch umso wichtiger erst einmal Utopien zu entwickeln d.h, den Gedanken, dass es solche braucht nicht von vornherein komplett negieren. Letzteres scheint mir der Fall zu sein. Oder irre ich mich da?“2

Als solche liegt die Utopie in einem Sumpf, einem Ort, in den wir Träume und Ängste hineinprojizieren können, einem Ort, den wir uns vorstellen, den wir aber nie wirklich betreten können … ohne unser Sein zu verlieren. Rette sich wer kann!

Um Kunst realisieren zu können, muss die Utopie, wie die Konzeptualisten des Werkleitz Jubiläums Festivals sich ausdrücken, vermieden werden. Allerdings findet die Kunst gerade ihre Schutzräume an derart nebulösen Orten … Sümpfen gleichend … den Sümpfen der Utopien, die in den Landschaften komplexer Erfahrungen und geschichtlicher Kontexte gründen, welche die Kunst des bloßen Ausstellens nie aufdecken kann.DerSumpf ist ein Dilemma … eine missliche Lage, deren Vermeidung paradoxerweise im Akt der künstlerischen Auseinandersetzung selbst liegt.

Dieses ‚Festival‘ ist wieder einmal die blanke Geldverschwendung eines pseudointellektuellen Klientels, dass den Wert der richtigen Arbeit nicht zu schätzen weiß. Abgehoben von der Wirklichkeit schmarotzt man wie so oft in Halle auf Kosten der normal arbeitenden steuerzahlenden Bevölkerung. Die Gelder, die hier vergeudet werden, sollten in den richtigen kulturschaffenden Orten, wie nt oder Opernhaus investiert werden. Wenn man solchen Quatsch fördert, scheint es ja doch nicht so schlimm zu sein mit den Finanzen im Kulturbereich!“3

An der Jahrhundertschwelle der brutalsten Machtentblößung von (neuen industrialisierten) Technologien kann es keinen symptomatischeren Ort des Kulturschaffens geben als die historischen Felder des Machtkampfs zwischen europäischem Orient und Okzident, die heutige serbische Provinz Vojvodina. In seiner Performance Dancing On My Life legt der Künstler Bálint Szombathy seine eigene subversive und semiotische künstlerische Laufbahn dar. Diese erstreckt sich von der vojvodinischen Hauptstadt Novi Sad bis in die heutige ungarische Hauptstadt Budapest. Um diese Landschaft – eine der explizit multi-ethnischen Regionen Europas, in der die Kulturen der verschiedensten Nationalitäten verbunden sind – im Kontext der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu reflektieren, wählt Szombathy die Relikte seiner eigenen, tief verwurzelten Erinnerung: elektronische Geräte – von klassischen Radios aus den 1950er Jahren über Grammophone und Kassettenrekorder bis zu Fernsehapparat, Computer, Mobiltelefon. Alltagsgegenstände, mit denen man Musik hören kann. Sich unserer Verbundenheit als europäische Mitbürger und gleichberechtigte Teilnehmer seiner Life-Performance bewusst, versucht er eine gemeinsame kulturelle und politische Reise zu inszenieren.

Mein Kommentar war ein rein inhaltlicher Gedanke zu der sofort ins Auge springenden Überschrift ‚Utopien vermeiden und wollte keineswegs in das Fahrwasser des Kommentars von ‚Steuerzahler überleiten. Ganz im Gegenteil. Ich erachte den Kommentar von ‚Steuerzahler als Wasser auf die Mühlen der Kultursparer. Nichts liegt mir ferner.“4

Szombathy führt hier einen (Dis-)Kurs quer durch eine Geschichte, die nicht nur seine eigene ist, sondern auch die unsere. Er zieht Schlüsse aus den politischen Verwerfungen dieses brutalen und gleichzeitig ernüchternden Jahrhunderts, aus den quälenden Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Untergang.

Jemand der am Tage des Begräbnisses eines im Einsatz gefallenen hallenser Bundeswehrsoldaten eine atomare Katastrophe als ‚Kunst verkauft (inklusive Knall, Sirene usw; so geschehen beim Werkleitz-Festival), der hat jegliche soziale Kompetenz verloren und wird sich auch von Steuerzahlers Kommentar nicht beeinflussen lassen. Feiert euch weiter selbst.“5

Szombathys Performance basiert auf dem Werk des Tänzers und Choreografen Rudolf Lábán (1879–1958) und konzentriert sich auf den Umgang des österreichisch-ungarischen Tanzpioniers mit der Choreografie als einer Form der Ausdrucksfreiheit. Im Kontext der Umwälzungen, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschütterten, lässt sich Lábáns Werk als unablässiges Streben nach einer Utopie betrachten, in der sein Glaube an die Vormachtstellung der Kunst alles andere übertraf. Lábán, der in den 1930er Jahren, als die Nazis ihre Macht konsolidierten, in Berlin lebte und Tanz unterrichtete, war weder Deutscher noch Parteimitglied. Er vermochte sich dem eindeutig ideologischen Richtungswechsel in der Kunst zu entziehen, indem er nur „nach der Pfeife des Regimes tanzte“, solange er seine eigenen Ziele im Tanz umsetzen konnte. Lábáns Suche nach der ultimativen Freiheit manifestierte sich stets in dem tief empfundenen Bedürfnis, vom Kanon traditioneller Ausdrucksformen und von gesellschaftspolitischen Normen abzuweichen.

Angesichts des Tanzes, den der Künstler Szombathy als eine schmerzliche Hommage an die Ursprünge des Lábán eigenen expressionistischen Stils inszeniert, steht der Zuschauer wie Jean Genet – unsicher, zögernd. Der Tanz führt uns an die Grundlagen der Labanotation heran, des Tanznotationssystems, für das Lábán heute noch, vor allem in der deutschen Hochkultur, bekannt ist. Diese Codierung ist eine kulturhistorische Sprache, die jeden, der nicht leidenschaftlich beteiligt ist, zum Voyeur degradiert. Und die dennoch lindernd wirkt wie Salbe auf einer offenen Wunde. „Bei voraussetzungsloser Annäherung widersetzen sich die semantischen Codes der Kuratoren selbst redlichen Vermittlungsbemühungen.“6

an mathiasschulze: Ich will nicht, dass man an Kultur spart, sondern richtige Kultur unterstützt! Nur weil man einem Schwein eine Pfauenfeder in den Arsch steckt, wird es noch lange kein Pfau!!! In Halle hängt man sehr oft dubiosen Projekten das Deckmäntelchen der Kunst um und fördert es finanziell. Das muss endlich im Angesicht knapper Kassen aufhören!!!!“7

Nun schaltet der Künstler Szombathy alle Geräte ein, und nach und nach treten immer mehr akustische Verzerrungen auf, während ein Video zeigt, wie der Künstler vor dem Hintergrund eines Orchesters zu populärer Volksmusik tanzt. Gleichzeitig beginnt er live mit einem „Tanz“, bei dem er seine Instrumente zertritt. Ihr knisternder Sound erstirbt langsam … und nur die Klänge des spielenden Orchesters bleiben übrig.

an Steuerzahler: wie gesagt: ich habe von besprochenen Dingen überhaupt nichts gesehen. Fakt ist aber, dass hinter unserer Diskussion nicht nur die Frage lauert, was richtige Kultur ist, sondern womöglich auch die noch weitaus spannendere Frage, wer es eigentlich ist, der beispielsweise (nicht nur in Halle, sondern in Gesamtdeutschland) zur sogeannten freien Szene gehört. Studenten? Praktikanten? Junge Menschen, die zwischen Rechnern eingeklemmt die Schere zwischen Arm und Reich schon zuklappen hören? Es ist doch klar, dass diese Leute eine ganz andere Kunst machen können (wollen werden als wir sie von Oper und Stadttheater kennen. Sie mit den Worten abzukapseln, dass sie pseudointellektuelle Dinge machen, die keine Kunst sind, ist definitiv zu einfach. In Leipzig gab es gerade den Auftakt am Schauspiel-Haus unter der Regie von Enrico Lübbe: Auch hier gibt es dieselben Diskussionen. Vielleicht hilft es den Lebensraum der freien Kreativen zu kennen, er bestimmt nämlich das Kulturverständ [sic]“8

So tanzt der Künstler durch sein Leben – ein Leben, untrennbar verbunden mit unserem gemeinsamen kulturellen Jahrhundert. Er lässt sich nicht beirren vom drohenden Krachen und setzt auf Lábáns zerstörerische Abweichungen von den Normen – als persönliche Verfremdung der Ideale und Utopien. Dabei vernichtet er einige seiner wertvollsten Heiligtümer.

Wenn man Werkleitz nicht für so wichtig nimmt, wie sie sich selber nehmen, könnte man an ihren Aktionen sogar manchmal Gefallen finden. Künstler halten sich manchmal für eine Avantgarde der Gesellschaft, die sie in meinen Augen nicht sind. Auch wenn manchmal der Verdacht entsteht, es handelt sich um eine Gemeinschaft zur Erlangung von Fördergeldern, die sich nur in einem kleinen Zirkel gegenseitig auf die Schultern klopft, sind sie doch ein Farbtupfer unseres Lebens.“9

In den Sümpfen der Utopien … weiter so!

Stephen Kovats

1 Vgl. Ein verliebter Gefangener, Paris 1986, Genets posthum veröffentlichte Reaktion auf die Erlebnisse im Krisengebiet Palästina, eine Abhandlung über den Aufstand, eine Meditation – voller mythischer Visionen von verführerischem und gefährlichem Charakter, die für ihn real, aber kompliziert zu beweisen waren.

2‘mathiasschulze‘, Gastkommentar, Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013, 14:45 h.http://bit.ly/1opvdZG [29.04.2014]

3‘Steuerzahler’, Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013, 16:26 h.

4‘mathiasschulze‘, Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013, 18:47 h.

5‘Bernd_WPunkt‘, Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013„ 19:43 h.

6 Günter Kowa, Werkleitz-Festival in Halle: Glaubt keinem Versprechen. Mitteldeutsche Zeitung

7‘Steuerzahler‘, Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013, 21:03 h.

8‘mathiasschulze‘,Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 12.10.2013, 23:02 h.

9‘Kritiker‘, Gastkommentar,Mitteldeutsche Zeitung online, 13.10.2013„ 09:18 h.

Text von

Stephen Kovats

Performance und single video Installation mit Objekten

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