Danach hätte es schön sein müssen

Root Event

5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Danach hätte es schön sein müssen
DE 2000

„1974 fährt meine Mutter nach Bremen. Sie nimmt ein Hotelzimmer und bringt sich darin um. Sie ist 42 Jahre alt geworden. Zuhause wird über den Selbstmord nicht gesprochen. 1997 treffe ich nach Jahren ohne Kontakt meinen Vater wieder. Er wohnt immer noch in der Wohnung, in die er vor 41 Jahren mit der Frau und dem Kind eingezogen ist. Im Schlafzimmer bedeckt dieselbe blaue Decke die Betthälfte meiner Mutter. Der Vater ist inzwischen 91 Jahre alt. Danach und über die folgenden zweieinhalb Jahre hinweg mache ich mit einer DVKamera Aufnahmen. Ich filme obsessiv die Wohnung. Dass man den Räumen nichts ansehen kann, entspricht dem früher Erlebten. Der Schrecken materialisiert sich nicht. Ich beobachte den Vater, folge ihm, sogar auf eine Schiffsreise durch die Karibik. Die Kamera ermöglicht Distanz, aber auch Nähe. Durch die Kamera können mein Vater und ich miteinander sprechen. Ich erinnere mich an kleine Geschichten, die die Mutter und deren Mutter, meine Großmutter, immer wieder erzählt haben. Auch die frühere Nachbarin, eine Tante und der ehemalige Chef der Frau haben ihre Geschichten. Ebenso der Vater. In den Geschichten verdichtet sich eine Erfahrung, die anders vielleicht nicht geäußert werden kann.“
(Karin Jurschick)
Die Geschichten, die Karin Jurschick erzählt, beginnen im Faschismus. Sie beschreiben das Mitwirken ihres Vaters im nationalistisch angetriebenen Krieg, seine Obsession für die Mechanik, für präzises Funktionieren. Der Film verfolgt, wie die persönliche und gesellschaftliche Erfahrung des Nationalsozialismus in die familiären Zugewinngemeinschaften der westdeutschen Nachkriegszeit
hineinwirkt und sich in ihren Machtstrukturen, in alltäglicher Ordnung, in der Sachlichkeit der Beziehungen wieder aufspüren lässt. Eine banale Geschichte, eine Fahrradfahrt von Vater, Mutter und Kind, wird zu einer Kernerzählung der Familie: Bei einem Ausflug verkehren sich die Dominanzverhältnisse für einen besonderen Moment, auf den sich daher eine Emotionalität der drei Beteiligten richtet, wie sie in den übrigen Erinnerungen nicht spürbar wird. Sachlichkeit und Distanz setzen sich auch in den formalen Mitteln des Films fort, etwa
indem die Filmemacherin von sich selbst in der dritten Person, als „dem Kind“, spricht. Immer wieder jedoch bricht diese Distanz auch, besonders in der Unerbittlichkeit ihrer Fragen an den Vater.

Karin Jurschick (DE), 2000, 72 min.

Explore

Überveranstaltung