Coming home - daily structures of life

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Coming home - daily structures of life
DE 2000
Coming home - daily structures of life
Coming home - daily structures of life

was ich noch fragen wollte:
noch in China … was hat Vater eigentlich gemacht?
dein Vater – er war ein Arbeiter
was für eine Arbeit hat er gemacht
„ze gai yua“

was war das?
Er arbeitete für ein Fabrik
wie sagt man „ze gai yua“ auf Mandarin
zhai gou yuan
ach – ja – ich wollte das nur wissen

warum fragst du?
ich schreibe gerade etwas …

weißt du, das ist – wie sagt man das auf Deutsch –
jemand, der Sachen von Firmen bestellt
Jemand, der die Produkte den Firmen zeigt?
Nein – jemand, der zu den Firmen fährt, um dort einzukaufen

Willst du noch mit deinem Bruder sprechen?
Nein – das ist nicht nötig – sprechen wir weiter,
wenn ich nach Hause komme

Ja, das tun wir…
Tschüss
Tschüss…

ich bin in einem Chinarestaurant aufgewachsen …
als meine Eltern nach Österreich kamen, endeten
sie – so wie viele andere Chinesen – in einem Chinarestaurant…


was konnten sie sonst machen?
nichts, das sie wussten … kannten
aber ohne die Sprache zu kennen
alles / sie waren: fremd
was sonst konnten sie machen

meine Eltern waren keine Köche – alles andere als aus dem Restaurantgewerbe …

aber generell, in Chinarestaurants waren Köche keine Köche, Kellnerinnen keine Kellnerinnen und Geschäftsführer keine Geschäftsführer…

… meine Eltern, die Angestellten waren mein Bild von Chinesen – bis ich später herausfand, dass sie chinesischer waren als die Chinesen in China

sie – ihre Generation – verließen China in den späten Siebzigern
ihr Bild von China – von zu Hause – stoppte in dem Moment, in dem sie China verließen
es erstarrte?
es wurde etwas Nostalgisches
ein erstarrtes Bild – Erinnerung

aber China bewegte sich weiter
China – veränderte sich…

als meine Eltern/unsere Familie nach Europa kam, landeten sie in Wien
landeten – da sie nicht vor hatten zu bleiben – da sie eigentlich vorhatten, nach Belgien zu gehen …

Belgien – wir hatten Verwandte dort
alles, was sie planten, planten sie für Belgien
doch es kam anders …
Wien war nur ein „Zwischenstop“ – warten bis die Papiere fertig sind, um weiterzufahren

einmal angekommen begannen sie – auch wenn nur vorübergehend – eine neue tägliche Struktur/ einen Ablauf zu finden
sie begannen zu arbeiten

vorübergehend wurde zur Routine, es wurde ihr Habitus – ihr neues Leben –
als die Papiere fertig waren, sahen sie keinen Grund weiterzuziehen …
was für ein Unterschied sollte es auch machen?

Österreich oder Belgien?
beide waren nicht China
beide waren leer
beide ohne Werte

Zwei Länder ohne Bedeutung – auswechselbar
für sie machte es keinen Unterschied
beide Sprachen waren fremd
was für einen Unterschied sollte es auch machen, deutsch, französisch oder flämisch zu sprechen?
was sie wollten, hatten sie schon erreicht – China zu verlassen

es war zu abstrakt zu überlegen, was der Unterschied wäre, in Österreich oder Belgien zu sein …
sich vorzustellen, dass eines Tages ihr Kind Staatsbürger eines dieser Länder würde

wir blieben
ich begann Deutsch statt Französisch zu lernen
statt in der Nordsee schwimmen zu gehen ging ich in den Alpen Ski fahren …
statt Miesmuscheln mit Pommes Frites – moules & frites – wuchs ich mit Wiener Schnitzel auf…


Jun Yang, Videoinstallation (loop ca. 16 min.) mit Deckenkonstruktion und Interieur, 2000. Ausstellungsort: Sportlerheim Werkleitz.

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