bricoleur

Root Event

Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine

Parent Event

bricoleur
DE 2019
Michael Beutler, bricoleur, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch
Michael Beutler, bricoleur, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch
Michael Beutler, bricoleur, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Matthias Knoch
Michael Beutler, bricoleur, Installationsansicht Werkleitz Festival 2019 Modell und Ruine, 2019
© Werkleitz 2019, Foto: Falk Wenzel

Michael Beutler ist ein bricoleur, ein Bastler, der mit den Materialien, welche er am Ort der Präsentation seiner Kunstwerke vorfindet, improvisiert. Aus vorhandenen Ressourcen entstehen komplexe Installationen, für deren Herstellung der Künstler häufig Werkzeuge erfindet und neue Verfahren entwickelt. In einem kollaborativen Arbeitsprozess mit vielen Helferinnen und Helfern werden Materialien umgenutzt und Räume transformiert. In Dessau besteht das verwendete Material unter anderem aus im Georgengarten angefallenem Baumschnitt. Der Portikus des ehemaligen Küchengebäudes zum Schloss Georgium ist Ausgangspunkt für prozesshafte bildhauerische Annäherungen an die einstige Kubatur des im Krieg zerstörten Gebäudes. Dieser Prozess ist mit Eröffnung der Ausstellung keineswegs abgeschlossen, sondern wird das Werkleitz Festival 2019 überdauern.

Interview Michael Beutler mit Kristina Tieke

KT: Deine Arbeit, die für Modell und Ruine im Georgengarten entsteht, wird den Platz des Küchengebäudes besetzen, von dem nur noch der Portikus vorhanden ist. Eine Sichtachse schafft die Verbindung zum ehemaligen Küchengarten. Der Ort scheint optimal für dich zu sein. Dein Interesse gilt von jeher dem traditionellen Handwerk – zu dem ich hier großzügig auch die klassische Obst- und Gemüsezucht und die Kochkunst rechne. Welche Rolle spielen für dich die historischen Bedingungen in Dessau?

MB: Zuerst einmal schafft die Historie die Rahmenbedingungen, in denen ich mein Werk entwickeln kann. Der Portikus, so wie er dort jetzt steht, ist ein Produkt vieler Geschichten, die bis heute stetig erzählt werden. Der einstige Nutzen des nicht mehr vorhandenen Gebäudes ist in keiner Weise mehr nachvollziehbar. Ein lokaler Verein hat es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, das Haus wieder zu errichten und nutzt nun die Situation von Modell und Ruine, um mit einem angedeuteten Fundament ein Zeichen für den Wiederaufbau zu setzen. Die neue Geschichte stülpt sich hier über eine alte, und die Arbeit, die hier entstehen soll, wird nicht drum herumkommen, sich mit beiden zu beschäftigen. Diese Erzählstränge nehme ich gerne an und versuche sie bereits als Teil der Arbeit zu verstehen.

KT: Aus Baumarktartikeln und schlichtem Material wie Sperrholz, Wellpappe, Papier entwickelst du deine monumentalen Installationen. Der Charme des Provisorischen und Unvollendeten verrät dabei immer auch etwas vom Prozess der Entstehung. Im prekären Charakter deiner Bauten offenbart sich die Vergänglichkeit aller Errungenschaften und die Idee einer Nachhaltigkeit, die im Recycling von Rohstoffen zukunftsweisend ist.

Wie wird deine Installation im Georgengarten aussehen? Welche Materialien und Produktionstechniken kommen zum Einsatz?

MB: Um das provisorische Fundament zu errichten, mussten ein paar Bäume gefällt werden, die ich nun nutzen kann. Ich werde aus dem Holz mehrere Heuballenpressen bauen. Jede der Pressen wird eine andere Form produzieren, die somit die meist quadratischen oder runden Heuballen um ein paar weitere Ballenformen ergänzt, so dass in der Gesamtheit ein Baukasten entsteht, mit dem sich schließlich der alte Portikus zumindest mit einem Teil eines Gebäudes ergänzen lässt. Stroh werden wir von einem Bauern in der Gegend besorgen.

Die Ballen werden gänzlich von Hand gepresst und gebunden. Die neuen Ballen werden dann verbaut – oder besser gesagt miteinander verzwirnt – und auch mit Lehm und Kalk verputzt. So entsteht eine Oberfläche, die im besten Falle dem Anblick eines großen Mauersteines und somit auch dem Schein der anderen Gebäude des Georgengartens entspricht.

KT: Du realisierst dein Projekt gemeinsam mit einem Team vor Ort. Kein Arbeitsprozess wird ausgelagert, nichts an Maschinen delegiert – außer an die eigenhändig gefertigten stromlosen Apparate, die dann zum Bestandteil der Installation werden. Es ist ein Gegenentwurf zu unserer entfremdeten Arbeitswelt, spielerisch und selbstbewusst. Ein Hoch auf Gemeinschaft und Kooperation.

Welche Bedeutung misst du selbst diesem Arbeitsprozess bei?

MB: Das klingt sehr utopisch und ist es tatsächlich oft auch. Wenn erst einmal nach oft langwieriger Planung die Rahmenbedingungen für das Entstehen solch eines Prozesses gegeben sind, zeigt sich in dem darauffolgenden Arbeits- oder besser gesagt schon Bau- oder noch offener Produktionsprozess, was aus der Situation zu entstehen vermag. Großartig geglaubte Ideen versinken in Unmöglichkeiten, doch im Machen selbst öffnen sich neue Konstruktionen und vormals unbekannte Vorgänge weisen neue Möglichkeiten. So werden alle Beteiligten gerne überrascht. Kann dann die Gruppe mit der neuen Situation umgehen, so ist das wunderbar. Daher sind die Ideen immer offen formuliert und setzen eine entsprechende Flexibilität bei der Umsetzung voraus. Es ist mir sehr wichtig immer reagieren zu können und so selbst Teil innerhalb der Produktion zu bleiben.

Situation, Arbeitsaufwand, Resultat entsprechen einander in solch einem Vorgehen. Die Dinge werden vielleicht monumental, aber nie unproportional.

KT: Die Ausstellung Modell und Ruine ist ein Beitrag zum Bauhaus-Jubiläumsjahr. Dein Projekt im Georgengarten liegt in Nachbarschaft der Meisterhäuser. Man ist versucht, hier einen Sinnzusammenhang zu stiften, und sei es jener, dass die Ideale der Bauhauskünstler sich lesen lassen wie deine Arbeit: als Modell einer besseren Gesellschaft. Inwiefern gibt es einen utopischen Kern in dem, was du tust?

MB: Die Kunst vermag das Utopische zuzulassen und im Rahmen auszuleben. Wie schon oben beschrieben, komme ich glücklicherweise immer wieder in Situationen, in denen das utopisch Geglaubte gerade gelebt zu sein scheint. Am ehesten ist es der Fall, wenn die Arbeit wie von selbst läuft, alle wichtigen Elemente ineinandergreifen und alle Beteiligten auf gleicher Ebene Teil des Ganzen werden. Ich würde selbst nicht sagen, dass dies dann Modelle einer besseren Gesellschaft sind. Zumindest sind es jedoch Momente, in denen ich mir keine andere Situation als die aktuelle wünsche.

Installation

Explore

Überveranstaltung