Blumengießer

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Ausstellungsprojekt Nachweis für Besiedlung
Blumengießer
DE 2014

Wir sehen eine Gruppe von 28 Gießkannen, deren Schnäbel alle nach links zeigen, was den Eindruck erweckt, die Kannen würden sich gemeinsam in eine Richtung bewegen. Tatsächlich handelt es sich um eine Chronologie von Kannen, die nach ihrem Baujahr geordnet wurden. Rechts die ältesten Modelle aus den 1960er, ganz links das jüngste Modell aus den 1970er Jahren. Der Designer Stephan Schulz untersucht mit dieser Anordnung, wie sich das Aussehen eines industriell gefertigten Gegenstandes wandelt, wenn sich dessen Produktions- und Verarbeitungsweise ändert, etwa wenn Materialknappheit oder erhöhte Nachfrage herrschen. Jedes Detail ist Ausdruck einer Industrie- und Produktkultur, deren Entwicklung von Schulz anhand einer Zimmergießkanne erzählt wird. Schulz hat eine Gießkanne aus den 1960er Jahren in der Sammlung Nachweis für Besiedlung gefunden und mit seiner eigenen Sammlung des gleichen Gießkannenmodells kombiniert. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich minimal, aber doch signifikant im Hinblick auf Henkelform und Eingussöffnung, Standfläche und Hohlkörpergröße, Tüllenlänge und Deckplattenkrümmung. Der in den 1960er Jahren von Formgestalter Klaus Kunis für den VEB Glasbijouterie Zittau (GBZ) entworfene Blumengießer aus Plaste entwickelte sich vom dreiteiligen und mehrfarbigen Modell mit der Zeit zu einem zwei- oder einfarbigen, bei dem der Übergang von Henkel zu Hohlkörper am Ende nicht mehr elegant zusammengefügt, sondern lieblos aufeinander montiert wurde. Waren also Anfangs noch ein relativ großer Detailreichtum sowie farbliche und formale Vielfalt möglich, so wurden später einzelne Montageschritte zusammengelegt, die Sorgfalt der Verarbeitung ließ nach und das gesamte Spritzgussverfahren wurde auf eine zentralgesteuerte, normierte Massenproduktion ausgerichtet. Anstatt jedoch diese Gießkanne nur als ein Zeugnis des Niedergangs der Plaste und Elaste verarbeitenden Industrie sowie der industriellen Formgestaltung in der DDR zu lesen, macht Schulzes Anordnung noch eine andere Lesart möglich. Folgt man dem bunten Schwarm Gießkannen und liest den Strom der bootsförmigen Behälter von rechts nach links, dann rückt auf einmal das scheinbar minderwertigste Serienprodukt, die orangefarbene Kanne am Ende der Reihe, wieder in die Nähe eines Dummys oder Prototyps. Als könnte der Gestaltungsprozess von hier aus neu beginnen.

Stephan Schulz, Installation, DE 2014

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