Beyond the Rainbow

Root Event

Werkleitz Festival 2008 Amerika

Parent Event

Beyond the Rainbow
26. 10. 2008

kuratiert von:

Kaum ein Werk eines deutschen Künstlers ist so eng mit Amerika verbunden wie das von Bjørn Melhus. Seit fast zwei Jahrzehnten – beginnend mit Das Zauberglas – versetzt er sich selbst in die amerikanische Medienlandschaft. Dabei geht er immer zunächst von den Tonspuren amerikanischer Filme aus, oft in der deutsch synchronisierten Fassung, und re-synchronisiert sich selbst als Darsteller lippensynchron. So verbindet er zwei elementare Techniken des filmischen Kulturaustausches: Während amerikanische Filme in Deutschland synchronisiert werden, werden deutsche Filme, die für den amerikanischen Markt interessant erscheinen, in Lizenz nachgedreht. Die deutsche Methode adaptiert Sprache und Stimme möglichst originalgetreu, wohingegen die amerikanische eine Art von kannibalischer Einverleibung des Fremden ist, das als Fremdes Eigenständigkeit und Herkunft verliert.

Bjørn Melhus’ Methode inhärent scheint der Aspekt der Medienkritik. Seltsamer und irritierender ist jedoch der inhaltliche Strang seines Werkes: die Aufarbeitung der eigenen Kindheit durch die medialen, amerikanischen Figuren. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen die drei Arbeiten dieses Programms, die man als eine Trilogie begreifen kann. Sie beginnt mit Weit Weit Weg, in der Bjørn Melhus als Dorothy aus The Wizard of Oz erscheint und versucht, mit der Welt hinter dem Regenbogen, nämlich Amerika, Kontakt aufzunehmen. Was zunächst als der komisch-vergebliche Versuch erscheint, den realen Menschen Bjørn Melhus mit der imaginären Figur seiner Fernsehkindheit zusammenzubringen, wendet sich durch die Widmung des Filmes „Für Britta“ – seine durch Freitod aus dem Leben geschiedene Schwester – ins Tragische: Der Regenbogen, der in Weit Weit Weg die mediale Verbindung der Welten symbolisiert, wird so zur Brücke zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. In der Androgynität Dorothys spiegeln sich sowohl Bjørn als auch Britta Melhus, er ersetzt die nicht Ersetzbare (1).

Während sich Bjørn Melhus in Weit Weit Weg aus Sasnak, dem Akronym für Kansas, der Heimat Dorothys, nach Amerika träumt, ist er in Auto Center Drive dort angekommen. Als Teenager Jimmy, dem All American Rebel, stakst er durch die kalifornische Wüste und trifft dort die Idole seiner Jugend: Jimi Hendrix, Janis Joplin, alle gespielt durch ihn selbst. Beschützt durch eine weitere kinomythische Figur, den schweigenden, unheimlichen Bodyguard, scheint er jedoch keinen Kontakt herstellen zu können, auch im Ursprungsland der Mythen bleiben diese ungreifbar, das erträumte Leben der Kindheit ist nicht einlösbar. Dorothy, die nun Verlassene, taucht nur noch als dem Alkohol verfallene Obdachlose am Rande auf. Ihr beständig wiederholter Wunsch aus Weit Weit Weg, nach Hause zurückzukehren – „there is no place like home“ –, hat sich nicht erfüllt.

Konsequent, aber dennoch überraschend ist daher, dass der dritte Teil der Trilogie, The Meadow (2), wieder in Deutschland gedreht wurde – ohne den Ort explizit kenntlich zu machen. Zusammen mit seinem Bodyguard und einem riesigen amerikanischen Straßenkreuzer fährt der gealterte Jimmy in den Wald, um dort die Figuren seiner Filmkindheit – und nun auch des Werkzyklus von Bjørn Melhus – aufzusuchen. Die Tonzitate entstammen den James-Dean-Filmen Rebel Without a Cause und East of Eden sowie dem dramatischen Weltkriegs-Disneyfilm Bambi. Die quietschbunten Figuren der amerikanischen Kinomythologie aus Weit Weit Weg und Auto Center Drive sind im dunklen Licht des deutschen Waldes fahl geworden, sie stammeln von der offenen, freien Welt, der Wiese, die es zu erreichen gelte und die sie doch nie erreichen werden. Selbst der schicke amerikanische Kreuzer scheint in den langen, wartenden Einstellungen ein monströses Eigenleben zu bekommen, er wirkt wie ein böses, lauerndes Tier. Die medial vermittelten Versprechungen der Kindheit wandeln sich in ihrer Uneinlösbarkeit ins Bedrohliche. Alle komischen, leichten Elemente aus Bjørn Melhus’ früheren Arbeiten sind in The Meadow verschwunden, es bleibt nur noch der unverstellte Blick in den Abgrund.

Marcel Schwierin

(1) Noch deutlicher wird das tragische Geschwistermotiv in der Arbeit The Oral Thing, in der Bjørn Melhus Bruder und Schwester in einer amerikanischen TV-Beichte spielt.

(2) Obwohl The Meadow selbst Teil einer eigenständigen Trilogie ist, bestehend aus den Arbeiten The Castle – The Meadow – The City.

Explore

Kurator

Überveranstaltung

Unterveranstaltungen