Background Listening Post

Root Event

Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen

Parent Event

Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen Angst in Form – Kunst im öffentlichen Raum
Background Listening Post
1. 7. bis 17. 10. 2010
Background Listening Post, 2010, © Steven Rowell

Steven Rowell reaktiviert eine ehemalige Telefonabhöranlage des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) als Schalt- und Basiszentrale für Lauschangriffe in die umliegende Landschaft.

Steve Rowells Arbeiten funktionieren vor allem, indem sie die versteckte Landschaft der Infrastruktur, des Militarismus und der Technologie offenlegen und jene Bereiche der bebauten und natürlichen Umwelt sichtbar machen, die allzu oft verborgen bleiben oder dem Blick entgehen. Steve verbindet Techniken der Kartographie, Geografie und Feldforschung um wenig beachtete oder normalerweise unzugängliche klangliche und visuelle Landschaften auf unerwartete Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die gemeinsame Präsentation dreier unterschiedlicher Projekte ermöglicht einen ausgezeichneten ersten Einblick in die Bandbreite von Steves wichtigem und einflussreichem Schaffen.

Das Projekt Background Listening Post, das speziell für Angst in Form als Teil des Werkleitz Festivals 2010 entwickelt wurde, versucht eine Erkundung der Darstellung und Wahrnehmung jener extrem unterschiedlichen Landschaften, die seit der Wiedervereinigung im ländlichen Ostdeutschland entstanden sind. Das fertige Projekt wird es Besuchern ermöglichen, die Hinterzimmer der ehemaligen Industrielandschaften der DDR zu erkunden und verlorene Idyllen zu entdecken. Die vorgeschlagenen Routen führen ebenso an Ruinen von Stasiüberwachungsanlagen wie an umgenutzten postindustriellen Brachen vorbei. Besondere Aufmerksamkeit gilt einer Reihe extremer landschaftlicher Kontraste: Westernkneipen (Saloons), die direkt neben sowjetischen Raumfahrtdenkmälern liegen; ehemalige, von den Nazis und der Sowjetarmee genutzte Militärflughäfen, auf denen Solarfelder errichtet worden sind; Biogasanlagen und Windturbinen; eine künstliche Westernstadt (die „Tombstone Western Stadt“); eine ehemalige Kommandozentrale der Stasi, ein labyrinthartiger Bunkerkomplex, der als Obstgarten getarnt wurde. Den Mittelpunkt des Projekts bildet eine ehemalige Telefonschaltanlage der Stasi in dem kleinen Dorf Görzig: Ausgehend von deren verbliebener technischer Einrichtung, spürt die Arbeit auf konzeptionelle und akustische Weise dieser phantomhaften, versteckten Infrastruktur nach — bis tief in die Randgebiete Sachsen-Anhalts, in das Hinterland Deutschlands. Eine Audioinstallation, die Background Listening Post, bietet Besuchern vor Ort die Möglichkeit, sich Feldaufnahmen anzuhören, die an ein paar ausgewählten Orten entstanden sind. Auf diese Weise wird die Geschichte der Überwachung umgekehrt; anstelle des permanenten Abhörens von Telefongesprächen der Anwohner während der Zeit der DDR werden nun die natürlichen und vom Menschen verursachten Geräusche der Umgebung offenbart.

Mit Steves Sonic Boom Archive betreten Zuhörer eine bauliche Installation, in deren Innerem sie die starken, aber meist unzugänglichen akustischen Nebeneffekte der Überschall-Fighter-Jets der US Air Force am eigenen Leib erfahren können — die so genannten Überschallknalls, die nach einer nuklearen Explosion lautesten Geräusche, die Menschen verursachen können. Das Projekt durchquert Zonen der Immaterialität und Leere, es überschreitet Grenzbereiche und Schwellenwerte; die Geräusche werden untersucht, aufgenommen und dann wieder in den Luftraum und die umliegende Landschaft ausgestrahlt. Das über 18 Monate hinweg entstandene Sound-Archiv offenbart einen engen und genau demarkierten Luftraum: den Schauplatz jener hyperaktiven Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und damit verbundener militärischer Übungen und Tests, die sich als eine Art taktiler Perkussion in einem Wüstengebiet manifestieren, das mit Wohnwagen und ums Überleben ringenden Städten übersät ist — die in der öffentlichen Wahrnehmung übersehene, oft überflogene und extrem militarisierte riesige Wüstenregion des amerikanischen Südwestens.

Unser letztes Beispiel, das Projekt The Ultimate High Ground, wendet Steves Sichtweise nun auf die normalerweise versteckten Welten der transplanetarischen und geopolitischen Überwachung an. Hier wird ein kritischer Bereich der materiellen Präsenz Amerikas im Ausland offengelegt: die stetig wachsende globale Infrastruktur der Frühwarnradarsysteme, der Weltraumüberwachung und der transglobalen Ortung und Verfolgung. Der Fokus der Arbeit liegt auf den terrestrischen Manifestationen eines globalen Netzwerks aus entlegenen Stützpunkten, im Orbit kreisenden Satelliten und nicht-öffentlichen, mutmaßlicherweise  in anderen Ländern existierenden Einrichtungen. Es geht zudem um die Atmosphäre um uns herum und die sie durchziehenden codierten Datenströme, die diesen in großer Entfernung voneinander verorteten Einrichtungen als entscheidende Verbindung dienen. Diese im Englischen als „Ground Stations“ oder „Earth Stations“ bekannten Orte der Satellitenkommunikation, Radarerkennung und Informationsverarbeitung sind fixe technologische Knotenpunkte in einer ansonsten fließenden Kartographie, deren um die Erde kreisende Konstellationen im Zuge aktueller und zukünftiger geopolitischer Strategien einem permanenten Prozess der Neuordnung unterworfen sind. Diese Stationen sind rätselhafte, außerterritoriale Punkte in der Landschaft, doch ihre Winzigkeit steht im krassen Gegensatz zu ihren tatsächlichen globalen Überwachungskapazitäten und ihrer geo-informativen und technologischen Bedeutung.

(Text: Stephen Graham)

Explore