Amerika forever & everywhere: The Virtual Film Program

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Werkleitz Festival 2008 Amerika
Amerika forever & everywhere: The Virtual Film Program

Mit dem 8. Werkleitz Festival versuchen wir uns auch zum ersten Mal an einem neuen kuratorischen Format: einem Virtuellen Filmprogramm im Internet. Im Unterschied zu den zahlreichen Online-Festivals besteht dieses Programm nicht aus Filmen, die wir hochladen, sondern ist eine Zusammenstellung aus Filmen, die bereits im Netz sind. Damit reagieren wir auf die neue Situation des bewegten Bildes: Es gibt zwar Millionen Filme kostenlos online, aber die schiere Masse macht die Betrachtung quälend, jeder Nutzer wird zum unfreiwilligen Rechercheur, der zwischen hunderten obskuren Clips die eine oder andere Perle findet. Auch die Rolle des Kurators ändert sich. War er bisher jemand, der seltene Filme findet und mit hohem organisatorischen und finanziellen Aufwand zugänglich macht, so wird er jetzt zu einem Navigator, der zu einer Route durch das Internet einlädt. Der Titel forever & everywhere verweist darauf, dass dieses Virtuelle Programm auch weit über das eigentliche Festival hinaus nutzbar sein wird, auch wenn sowohl forever als auch everywhere ein wenig übertrieben sind: weder bleiben Linkadressen über längere Zeiträume gültig, noch gibt es überall filmtaugliche Netzzugänge.

Das Virtuelle Filmprogramm passt besonders gut zum Thema AMERIKA, nicht nur weil das Internet in den USA erfunden wurde. Durch die Public Domain Regelung (Filme, die im Auftrag des amerikanischen Volkes hergestellt wurden, müssen diesem – und seinen Gästen – frei zur Verfügung stehen) können Anbieter wie archive.org (http://www. archive.org) tausende von Filmen zur freien Verfügung ins Netz stellen. Der Online Copyright Infringement Liability Limitation Act (http://en. wikipedia.org/wiki/Online_Copyright_Infringement_Lia…) wiederum ermöglicht es, auch Material im Netz zu veröffentlichen, bei der die Rechtefrage unklar ist – erst bei Einspruch muss das Werk wieder entfernt werden.

Dieser vergleichsweise fortschrittliche Umgang mit dem Copyright im Internet droht die ,alte Welt‘ ein zweites Mal abzuhängen: Da europäische Filmarchive Rechtefragen viel restriktiver handhaben, stammt ein Großteil der freien Filminformation im Netz (außerhalb des Musikvideo- und Amateurgenres) aus den USA, so werden die amerikanischen Bilder, ähnlich wie im Kino, auch im Internet dominant.

Natürlich ist dieses Programm erst ein Anfang und in mehrfacher Hinsicht auch limitiert. Manche Filmgattungen und -genres sind im Netz sehr gut vertreten, neben Amateurfilmen vor allem Musikvideos, Educationals, Propaganda und Nachrichten. Bei letzteren handelt es sich um Auftragsarbeiten, deren Schöpfer direkt für die Arbeit entlohnt wurden und meist auch gar nicht die Rechte am Produkt halten. Der ursprüngliche Zweck der Filme ist normalerweise schon längst verblichen. Künstlerische Filme wie Spielfilme, Dokumentarfilme, Experimentalfilme und Videokunst sind dagegen im Netz noch vergleichsweise selten, da die Produzenten dieser Filme auf eine langfristige Verwertung hoffen und daher oft kein Interesse daran haben, die Arbeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen (die angeblich unendlichen Mengen an Film auf illegalen Seiten ignorieren wir bewusst, alle Links in diesem Programm verweisen auf legale Anbieter). Auch wenn durch YouTube & Co. die Zahl der im Internet zur Verfügung stehenden Filme schier unendlich ist, so ist die Anzahl der seriösen Quellen für Filme im Netz durchaus überschaubar: Die meisten Filme stammen von archive.org und hier besonders aus der überragenden Prelinger collection, aus dem Online-Portal für künstlerischen Film Ubuweb (http://www. ubu.com/film) sowie aus YouTube selbst. Vereinzelte Filme sind wiederum aus MySpace, Google-Video, millercenter.org und anderen Seiten.

Grundsätzlich habe ich nur vollständige Filme aufgenommen, keine Ausschnitte. Weggelassen habe ich auch Filme, auf die ich nicht direkt verlinken kann, weil etwa der Zugang zum Pool eine Vorab-Registrierung verlangt.

Eine zentrale und vieldiskutierte Sorge besteht bei Künstlern darin, dass, sollten sie ihre Arbeiten kostenlos im Netz oder preiswert auf DVD zur Verfügung stellen, Kuratoren sie nicht mehr im Kino zeigen würden. Als Kurator kann ich da eher beruhigen, ich zeige oft Arbeiten, die ich vorher über diese Kanäle gesehen habe. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich als Nutzer auch schon oft gegen einen Kinobesuch entschieden habe, wenn ich wusste, dass ich den Film auf DVD oder im Netz sehen kann. Aber wie auch immer wir uns dazu stellen, Filme werden künftig vor allem online vertrieben werden, der Kinobesuch wird die Ausnahme bleiben – zumal die meisten Arbeiten, die auf dem Werkleitz Festival laufen, ohnehin nie ins Kino kommen.

Natürlich ist ein solches Online-Programm auch ästhetisch und sozial mit Verlust behaftet, das kollektive Kinoerlebnis wird durch die Einsamkeit vor dem Monitor ersetzt. Selbst der Fernseher, vor dem sich ja ab und an noch ganze Haushalte versammeln, ist da gemeinschaftsstiftender. Die Qualität von Filmen im Netz ist im Allgemeinen schauderhaft (das Prelinger Archiv ist hier eine seltene Ausnahme), sie reicht nicht mal, um den Film monitorfüllend anzuschauen. Filme im Internet sieht man daher meist wie Fotos in einer Boulevardzeitung, eingehüllt in reichlich Informationsmüll.

Dafür gewinnt der Betrachter aber natürlich auch neue Freiheiten. Filme, die er einmal gesehen hat, stehen ihm immer wieder zur Verfügung. Er kann das Gesehene nachträglich mit anderen teilen, die Links weiterverbreiten, die Filme abspeichern. Er muss die Werke nicht als Ganzes und nicht in einer bestimmten Reihenfolge sichten und er kann es jederzeit zu Hause tun.

Für uns als Veranstalter des Festivals erschließen sich so völlig neue Zuschauergruppen. Selbst wenn dieses Virtuelle Filmprogramm für Netzverhältnisse nur schwach besucht sein sollte, so wären es immer noch ein zigfaches der Menschen, die zwischen dem 24. und 26. Oktober 2008 zu uns nach Halle kommen können. Besonders attraktiv ist für uns, die sogenannte westliche Hemisphäre ,verlassen‘ zu können und auf Nutzer in anderen Kontinenten zuzugehen.

Eine besondere Herausforderung in dieser kuratorischen Arbeit war für mich die Reihenfolge der Werke. Im Kino ist bei Kurzfilmprogrammen die inhaltliche und formale Dramaturgie entscheidend, die Filme müssen zueinander passen, dürfen aber auch nicht ununterscheidbar ineinanderfließen. Zudem spielt die Moderation bei der Kinopräsentation eine zentrale Rolle. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass auch nur ein Nutzer eine von mir vorgeschlagene Programmfolge tatsächlich einhalten würde, sich also etwa 70 Minuten lang 5-6 Kurzfilme hintereinander angucken würde, habe ich mich für eine radikal andere Form entschieden und die Filme chronologisch geordnet. So ergibt sich ein Bild Amerikas durch die Zeiten hindurch, in der sich die politischen und sozialen Wandlungen ebenso spiegeln, wie die formalen Veränderungen ihrer filmischen Repräsentation.

Marcel Schwierin, Kurator und Filmemacher

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