American Beauties

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Werkleitz Festival 2008 Amerika

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American Beauties
24. 10. 2008

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Amerika war im gesamten 20. Jahrhundert ein Symbol für die Moderne, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg bekam es darin eine Art Monopolstellung, ganz besonders für das besetzte Deutschland. Ebenfalls nach 1945 wurde in den USA ein neues Frauenbild entworfen, das alte des Krieges, welches die Selbstständigkeit der Frau betonte, taugte nicht mehr. Patriarchalische Ordnung und neuer Reichtum erfanden das Heimchen am Herd – zumindest im Film. In der Realität konnten es sich nur wenige begüterte Haushalte leisten, auf das Einkommen der Frau zu verzichten. Unzählige Erziehungs-, Werbe-, Spielfilme – interessanterweise nicht Dokumentarfilme – verkündeten dieses Ideal weltweit, was vielleicht auch erklärt, weshalb es sich so hartnäckig hält.

Als „Melting Pot“ unterschiedlichster Ethnien fiel es den USA historisch schwer, ein gemeinsames Nationalgefühl zu entwickeln. Umso wichtiger wurden ihre Symbole. Der handkolorierte Three American Beauties von 1906 zeigt in anrührend naiver Weise nacheinander eine rote Rose in der Züchtung „American Beauty“, eine Frau im gelben Kleid und die amerikanische Flagge. Ungewöhnlicherweise wird die nationale Identität hier über das Weibliche definiert. Der Film lief normalerweise als Schlusspunkt nach einem schwarzweißen Filmprogramm (wie später die Flagge im Fernsehen zum Sendeschluss) – während er hier das Festival eröffnet.

Jede Frau kann zaubern ist ein typischer Reeducation-Film.1 Während amerikanischen Hausfrauen eine komplette Neuanschaffung ihrer Küche empfohlen wurde, musste im verarmten Nachkriegsdeutschland die kreative Umgestaltung der alten genügen.

Der sehr früh verstorbene Peter Roehr arbeitete praktisch ausschließlich seriell, sowohl auf Papier als auch mit bewegten Bildern. In Filmmontage III verwendet er, wie später die meisten deutschen Found-Footage-Filmer, amerikanisches Ausgangsmaterial, hier Werbespots mit ihren Inszenierungen weiblicher Schönheit, welche er in minimalen Ausschnitten hintereinander montiert und so verfremdet.

Eine der seltsamsten Inszenierungen amerikanischer Medienpolitik war der Clinton/Lewinsky-Skandal, bei dem die ganze Welt über Monate eine Kurzzeitaffäre des US-Präsidenten mit einer Praktikantin verfolgte. Doch während Clinton als Mann und Inhaber von Macht die Affäre letztlich unbeschadet überstand, ist Monica Lewinsky als Frau und Ohnmächtige dauerhaft stigmatisiert. Time Flies beschreibt ihre vergeblichen Resozialisierungsversuche wie eine Probe für eine weitere mediale Inszenierung.

Der norwegische Videokünstler Ane Lan inszeniert sich als Frau in verschiedenen kulturellen Kontexten. In Amerika erscheint er in orientalischem Gewand und Ambiente und singt: „America, where are you now?“

Den männlichen Blick auf Frauen kehrt Abbey Williams in YES um. Ihre subjektive Kamera filmt wahllos Männer in der U-Bahn, über die „Yes“, „No“ oder „Maybe“ eingeblendet wird. In der Umkehrung wird nicht nur der in den Medien übliche Blick auf Frauen thematisiert, sondern auch die Brutalität, die in einer ständigen sozialen Auswahl liegt. Die Urteile Yes, No und Maybe begleiten alle Menschen überall und bestimmen nachhaltig ihr Leben.

Marcel Schwierin


(1) Für eine Beschreibung dieses Genres siehe das Programm The Problem Now is Future Peace: That is Your Job in Germany.

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