Amadeu. letzte warnung

Root Event

5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Amadeu. letzte warnung
2002

„Amadeu. letzte warnung“ erinnert an Amadeu Antonio, das erste Opfer des rassistischen Mobs nach dem Fall der Mauer. Der Titel spielt ausserdem auf die Hitsingle des afrodeutschen Musikprojekts Brothers Keepers an, deren Song „Adriano (Letzte Warnung)“ an die Ermordung von Alberto Adriano in Dessau erinnert – „why we are sending out our love to Amadou and Adriano“ Sékou (Brothers Keepers).

„Amadeu Antonio war ein angolanischer Arbeiter in einer brandenburgischen Kleinstadt, der 1990 von rechten Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, weil er eine schwarze Hautfarbe hatte. Er war das erste Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Sein Sohn, Amadeu Antonio Jr., hat ihn nie kennen gelernt.“ (Amadeu Antonio
Stiftung).

Xavier Naidoo singt in der Single-Auskopplung „Adriano (Letzte Warnung)“ den zu Anfang so merkwürdig defensiv lesbaren Refrain: „Dies ist so was wie eine letzte Warnung / Denn unser Rückschlag ist längst in Planung / Wir fall ́n dort ein, wo ihr auffallt / Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt / Denn was ihr sucht, ist das Ende / Und was wir reichen, sind geballte Fäuste und keine Hände / Euer Niedergang für immer / Und was wir hören werden, ist euer Weinen und euer Gewimmer“.

Whity liegt, in Fassbinders gleichnamigen Film, wie Gulliver riesig am Boden, wie gefangen in den kolonialen Sklavenketten. „Titel. Weiße Schrift auf Standfoto: Whity, Kopf am Boden“. Nachdem über seinen Körper der Vorspann gelegt wurde, erhebt sich der Körper. Mit einer roten Rose in der Hand könnte er seine Ketten sprengen. „Günther Kaufmann ist Whity“, weder weiß noch schwarz. Der afrodeutsche Schauspieler ist zum White-Face geschminkt. Seine soziale Position hängt vom Dispositiv der Betrachtung ab. Im Begleitbuch zu Rainer Werner Fassbindes Filmdrehbüchern um 1970 – gleich sieben Filme oder Fernsehproduktionen wurden zu diesem Zeitpunkt gefertigt – wird klar, dass die von Fassbinder erhoffte kollektive Produktionsarbeit spätestens bei „Whity“ gescheitert ist. „Immer hatte er darauf gedrungen, dass alle initiativ werden, jeder seine Kreativität einbringt. Er wollte nicht immer Motor für die ganze Gruppe sein. Doch das Tempo, das er einschlug, um sich das neue Medium [Film] anzueignen, war für die meisten Mitstreiter zu hoch: Sie konnten nicht mithalten … Er sah sich in die Rolle des Ausbeuters gedrängt, der zugleich Ausgebeuteter ist.“ (Michael Tötenberg in „Fassbinders Filme 2“). Die ,Warnung vor einer heiligen Nutte’– direkt im Anschluss an „Whity“ gedreht – erzählt vom Ende des Kollektivs.

„Liebe Freunde oder Genossen und so, … lasst uns doch die Arbeit an dem Film [„Warnung vor einer heiligen Nutte“], und die Zeit, in der sie passiert, als letzte Möglichkeit betrachten, zu überprüfen, warum es so gelaufen ist und nicht anders und welche Änderungen nötig wären, um letztendlich doch noch Produktionsbedingungen zu finden, die eine weitere Zusammenarbeit doch noch als erstrebenswert erscheinen lassen.“ (Fassbinder in einem Brief zum Drehbeginn am 14.9.1970).

„Whity“ floppte bei der Kritik und war auch ökonomisch eine Pleite – die Kopie konnte nicht ausgelöst werden, weshalb der Film nie in die Kinos kam. „Whity“ tauchte erst zwanzig Jahre später „im Programm eines privaten TV-Senders“ wieder auf. Die DVD-Kopie wird von KirchMedia GmbH & Co. KGaA vertrieben. Zum 20. Todestag von Fassbinder zeigt das Fernsehen ein Manuskript zu einem Film über Rosa Luxemburg, über dem der Regisseur am 10.6.1982 nasenblutend gestorben ist.

In Erinnerung der ermordeten Kommunistin baute der deutsche Architekt Mies van der Rohe 1926 das „Denkmal für Revolutionsopfer“. Die aus dem Klinker zerstörter Gebäude erbaute Mauer sollte an eine Exekutionswand erinnern und wurde zum Geburtstag von Luxemburg auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde eingeweiht. Das einzige plastische Werk Mies van der Rohes war im Auftrag des Sammlers, Kunsthistorikers und 1926 ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei, Eduard Fuchs, errichtet worden. Neben einem Fahnenmast wurde ein stählerner Stern mit Hammer und Sichel appliziert. Dies musste vor Ort erst zusammengesetzt werden, da sich die Krupp’schen Stahlwerke geweigert hatten, das Emblem als Ganzes zu fertigen. Die Inschrift „ICH WAR ICH BIN ICH WERDE SEIN / Den Toten Helden Der Revolution“ ist nicht realisiert worden.

1933 ließ das nationalsozialistische Regime das Berliner Spartakisten-Denkmal schleifen. 1934 bewarb sich Mies im Auftrag der Nationalsozialisten beim Wettbewerb für den Deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel. Mit Bleistift skizzierte er ein Hakenkreuz auf die Mauerwand und eine Fahne. 1938 übersiedelte Mies van der Rohe in die USA.

Die zu DDR-Zeiten „Gedenkstätte der Sozialisten“ genannte Grabstelle ist noch heute jeden zweiten Sonntag im Januar Ziel von Zehntausenden. Mitten auf einem Acker bei Rudolfstadt stand eine modernistisch anmutende Werbung aus ineinandergeschobenen Kuben, die für den X. Parteitag warb. Dieses einfach zusammengefügte Display schiebt sich nun in Mies van der Rohes „Denkmal für Revolutionsopfer“ im Andenken an die Ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. „AMADEU. LETZTE WARNUNG“ erinnert an die Opfer der Barbarei.

Jochen Becker (mit Dierk Schmidt und Martin Kaltwasser)

Jochen Becker (mit Dierk Schmidt, Martin Kaltwasser), Skulptur, ca. 8x3,2m (2002). Ausstellungsort: Konsumgebäude Tornitz.

Explore